Quellen zur Geschichte des "Hailtums" in der mittelalterlichen Reichsstadt Memmingen Neben den vielen Merkmalen, die eine städtische Gemeinschaft auszeichnen (Handelsknotenpunkt und Markt, bürgerliche Ratsverfassung, Wohltätigkeit und Spital), war die gemeinsam gelebte Religiosität konstitutives Element der Stadt und eine Trennung von Staat und Kirche damals noch undenkbar. Handschriftlichen und gedruckten Chroniken zufolge fand vor 800 Jahren im Benninger Ried ein Hostienfrevel statt. Die "blutende Hostie" wurde am Gregoriustag (12. März) des Jahres 1216 in die benachbarte Stadt Memmingen überführt. Das Stadtarchiv Memmingen nimmt dies zum Anlass, Belege aus handschriftlichen oder gedruckten Chroniken und administrativen Dokumenten zusammenzustellen. Aus diesen Quellen wird deutlich, welche Kraft das Geschehen von 1216 entwickelte. Die Blusthostie – im mittelalterlichen Memmingen „Hailtum“ genannt - wurde zum zentralen Zeichen der Lebens- und Glaubensgemeinschaft und Ausweis mittelalterlicher Religiosität und eucharistischer Verehrung. Literatur "Des ehemaligen Reichsstiftes Ottenbeuren Benediktiner Ordens in Schwaben Sämmtliche Jahrbücher ...“ , verfasst von Maurus Feyerabend, Band 2, Ottobeuren 1814, S. 292-314 Ehrhart, Balthasar von: Geschichtliche Beschreibung der protestantischen Hauptpfarrkirche zu St. Martin in Memmingen, Memmingen 1846, S. 82-86 Miedel, Julius: Die Wundersage von der Benninger Riedkapelle, in: Memminger Geschichtsblätter 1912, S. 9-12 Wunderer, Karl: Die Benninger Riedkapelle. Lose Beiträge zur Förderung des Heimat-Verständnisses (zuerst erschienen in der Beilage des Memminger Volksblattes "Zur Stillen Stunde"), Benningen 1925 Bilder Bayer, Günther: Die Malerfamilie Sichelbein 1580-1758. Lebensbilder und Werke, Lindenberg 2003 (Darin: Abbildungen der Gemälde von Johann Friedrich Sichelbein, S. 82-86 und 124-129). Inhalt der Webseite Hostienfrevel und Überführung nach Memmingen Berichte über das wundersame Wirken des "Hailtums" Prozessionen und Empfänge mit dem „Hailtum“ Vom Hostienkult zur Verehrung des "Hailtums" als Reliquie Ende der Verehrung in der Reformationszeit Nachwirken Hostienfrevel und Überführung nach Memmingen Neid stand am Anfang des Geschehens. Ein Müller musste laut der Legende zusehen, wie sein Nachbar im Benninger Ried einen höheren Ertrag einfahren konnte. Da er sich (vergeblich) von einer Hostie – unter den Mühlstein gelegt – Hilfe erhoffte, brachte er den von ihm selbst ausgeführten Hostienfrevel zur Anzeige. Die „blutende Hostie“ wurde sogleich geborgen und in die benachbarte Stadt Memmingen gebracht. Die Mühle des neidischen Frevlers versank – so endet die Legende - im Ried In Memmingen fand die Bluthostie in Sankt Martin, dessen Patronat soeben von Kaiser Friedrich II. den Antonitern übergeben worden war, eine dauerhafte Bleibe. Sie wurde zum Ziel eucharistischer Wallfahrten und Anbetungen, wie sie in Folge des Vierten Laterankonzils mit seiner dort definierten Transsubstantiationslehre (1215), der Einführung des Fronleichnamsfestes (1264) und dem Bedürfnis des Zeigens der Hostie häufig zu beobachten waren. Erzählung des Hostienfrevels bei: „Des ehemaligen Reichsstiftes Ottenbeuren Benediktiner Ordens in Schwaben Sämmtliche Jahrbücher ...“ , verfasst von Maurus Feyerabend, Band 2, Ottobeuren 1814, S. 299-310 (Digitalisat) Erzählung des Hostienfrevels bei: Ehrhart, Balthasar von: Geschichtliche Beschreibung der prot. Hauptpfarrkirche zu St. Martin in Memmingen, Memmingen 1846, S. 83-86 (Digitalisat) Erzählung des Hostienfrevels bei: Miedel, Julius: Die Wundersage von der Benninger Riedkapelle, in: Memminger Geschichtsblätter 1912, S. 9-12 (Vergleich des Memminger mti dem Ottobeurer Bericht) Erzählung des Hostienfrevels bei: Sontheimer, Martin: Die Geistlichkeit des Kapitels Ottobeuren. Von dessen Ursprung bis zur Säkularisation, Bd. 2, Ottobeuren 1913, S. 46 Erzählung des Hostienfrevels bei: Wunderer, Karl: Die Benninger Riedkapelle, Benningen 1925, S. 26-29 (Übersetzung aus StAA KL Ottobeuren 19) Berichte über das wundersame Wirken des "Hailtums" Chroniken berichten von mehreren Wundern, die im Zusammenhang mit der Blut- und Wunderhostie stehen und sich bald nach der Überführung nach Memmingen ereigneten, unter anderem von einem Kind, das 1446 im Stadtbach ertrank und von der Wunderhostie berührt wieder zum Leben zurückfand. Wunderbericht 1446, Eintrag in der Tobias-Büchele-Chronik, S. 30 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Wunderbericht 1446, Eintrag in der Wintergerst-Kimpel-Chronik, fol. 35 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Wunderbericht 1446, Einträge in der Tobias-Büchele-Chronik, S. 30, und in der Wintergerst-Kimpel-Chronik, fol. 35 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Übertragungen) Wunderbericht 1446 bei: Ehrhart, Balthasar von: Geschichtliche Beschreibung der protestantischen Hauptpfarrkirche zu St. Martin in Memmingen, Memmingen 1846, S. 85 (Digitalisat) Wunderbericht 1446 bei: Sontheimer, Martin: Die Geistlichkeit des Kapitels Ottobeuren. Von dessen Ursprung bis zur Säkularisation, Bd. 2, Memmingen 1913, S. 46-47 (Digitalisat) Prozessionen und Empfänge mit dem „Hailtum“ Das „Hailtum“ wurde jährlich am Gregoriustag (12. März) in einer feierlichen Prozession von Bürgern und Schülern vor die Mauern der Stadt mitgeführt. Kündigten sich hohe geistliche oder weltliche Würdenträger - darunter der König des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation - an, trugen es Geistliche zusammen mit Vertretern der Bürgerschaft dem Gast entgegen. Verschiebung der Prozession 1468 wegen starken Schneefalls, Eintrag in der Tobias-Büchele-Chronik, S. 62 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Verschiebung der Prozession 1468 wegen starken Schneefalls, Eintrag in der Tobias-Büchele-Chronik, S. 62 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Übertragung) Schneeräumaktion zur Gregoriusprozession 1458, Eintrag in der Tobias-Büchele-Chronik, S. 45 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Schneeräumaktion zur Gregoriusprozession 1458, Eintrag in der Tobias-Büchele-Chronik, S. 45 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Übertragung) Empfang des Abtes von Saint-Antoine Benoit de Montferrand 1465 durch Antoniterpräzeptor Petrus Mitte des Caprariis, Priester und Bürger, Eintrag in der Tobias-Büchele-Chronik, S. 59/60 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Empfang des Abtes von Saint-Antoine Benoit de Montferrand 1465 durch Antoniterpräzeptor Petrus Mitte des Caprariis, Priester und Bürger, Eintrag in der Wintergerst-Löhlin-Chronik, fol. 78 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Empfang des Abtes von Saint-Antoine Benoit de Montferrand 1465 durch Antoniterpräzeptor Petrus Mitte des Caprariis, Priester und Bürger, Einträge in Memminger Chroniken (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Übertragungen) Empfang des Augsburger Bischofs Johann von Werdenberg 1470 in Memmingen, Eintrag in der Wintergerst-Kimpel-Chronik, Seite 129 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Empfang des Augsburger Bischofs Johann von Werdenberg 1470 in Memmingen, Eintrag in der Wintergerst-Kimpel-Chronik, Seite 129 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Übertragung) Empfang des päpstlichen Legaten Raymond Peraud 1491, Eintrag in der Wintergerst-Kimpel-Chronik, Seite 202 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Empfang des päpstlichen Legaten Raymond Peraud 1491, Eintrag in der Wintergerst-Löhlin-Chronik, fol. 129-130 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Übertragung) Empfang König Maximilians 1494, Eintrag in der Wintergerst-Kimpel-Chronik, Seite 215 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Empfang König Maximilians 1494, Eintrag in der Wintergerst-Kimpel-Chronik, Seite 215 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Übertragung) Gregoriusprozession 1494, Notiz im Jahrtagbuch von Sankt Martin Memmingen 1494/95 (Stadtarchiv Memmingen) (Digitalisat) Vom Hostienkult zur Verehrung des "Hailtums" als Reliquie 1446 (oder 1447) wurde die Wunderhostie durch den Augsburger Bischof untersucht und dem Pfarrvolk hierauf kundgetan, dass künftig die Hostie nicht mehr angebetet, aber weiterhin als Reliquie zu verehren sei. Wie verschiedene Belege ausweisen, tat dies aber den jährlichen Hailtumsprozessionen keinen Abbruch. Visitationsnachricht in der Tobias-Büchele-Chronik, S. 31 (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Digitalisat) Visitationsnachricht in der Tobias-Büchele-Chronik, S. 31, und in der Wintergerst-Kimpelchronik (Wiss. Stadtbibliothek Memmingen) (Übertragungen) Visitationsnachricht bei: Ehrhart, Balthasar von: Geschichtliche Beschreibung der protestantischen Hauptpfarrkirche zu St. Martin in Memmingen, Memmingen 1846, S. 85 (Digitalisat) Visitationsnachricht bei: Sontheimer, Martin: Die Geistlichkeit des Kapitels Ottobeuren. Von dessen Ursprung bis zur Säkularisation, Bd. 1, Ottobeuren 1912, S. 174 (Digitalisat) Ende der Verehrung in der Reformationszeit So manche liturgische Praxis stieß in den Jahren der Reformation – auch in Memmingen – auf Ablehnung. Der Abschaffung der Messe (Dez. 1528) folgte – auf Anregung des Konstanzer Reformators Oekolampads hin - die Entfernung der Bilder und Nebenaltäre in den Kirchen (1531, sog. Bildersturm) und ein Ende der Hostienverehrung. Das „Hailtum“ wurde – so eine Stimme zur Mitte des 19. Jahrhunderts – an einem „heiligen Ort“ eingemauert. Die moderne (kirchen-)geschichtliche Forschung bezweifelt die Historizität eucharistischer Verwandlungswunder und ordnet sie mitunter Betrugs- oder Täuschungsdelikten zu. Nachricht vom Einmauern des "Hailtums" in St. Martin bei: Ehrhart, Balthasar von: Geschichtliche Beschreibung der protestantischen Hauptpfarrkirche zu St. Martin in Memmingen, Memmingen 1846, S. 85 Nachwirken Haben sich Spuren der einstigen Verehrung des "Hailtums" erhalten? Gewiss im Benninger Brauchtum bis in die Gegenwart hinein (Bruderschaft vom Allerheiligsten Altarsakramente), gewiss auch als schriftliche Belege in den Bibliotheken und Archiven, vielleicht auch in so manchem Tun frühneuzeitlicher Generationen, etwa im jährlichen Umgang der Schülerinnen und Schüler vor den Mauern der Reichsstadt, in dessen Tradition sich das moderne Memminger Kinderfest sehen darf. Herrschaftsgeschichte des Memminger Raumes Zinsrodel St. Elisabeth 1315-1320 Stadtrecht 1396 "Hailtum" im Mittelalter