Die Memminger Stadtmauer Memmingen aus der Vogelschau, von Matthäus Merian, Frankfurt 1643, hervorgehoben: Tore, Türme und Mauerpartien der Stadtbefestigung (Dr. Christian Kayser) Jahrhundertelang sorgten sich die Bürgerinnen und Bürger der Reichsstadt Memmingen um ihre Sicherheit – und errichteten, erweiterten und reparierten mit sehr großem Aufwand ihre Stadtbefestigung. Tore, Türme und Mauern sollten die Menschen vor drohenden Gefahren schützen, was freilich nicht immer gelang – man denke nur an die bekannten 30 Jahre im 17. Jahrhundert, als Hunderte Frauen und Männer schanzten und verteidigten und letztlich doch nicht verhindern konnten, dass fremde Regimenter unsere Stadt besetzten. Diese Zeiten sind vorüber - heutzutage suchen nicht mehr feindliche Augen die Stadtbefestigung nach Lücken und Schwachstellen ab, sondern Geschichtsinteressierte und Touristen nach historischen Spuren. Zur "Stadtmauer von Memmingen" ist eine umfangreiche Publikation von Dr. Christian Kayser erschienen, die beim Historischen Verein bezogen werden kann. Seit 2019/20 saniert die Stadt Memmingen mit finanzieller Unterstützung des Freistaates Bayern in mehreren Bauabschnitten einzelne Partien der Stadtbefestigung. Die denkmalpflegerischen Maßnahmen sind zugleich Teil des 2019 verabschiedeten Stadtmarketingkonzeptes, das der Memminger Altstadt (und seiner Ummauerung) eine besondere Rolle zuspricht. Die Memminger Stadtmauer ist mit ihren einst sieben Toren und 26 Türmen das größte Denkmal der Stadt. Zwar gingen unter anderem die Rundtürme an den Eckpunkten in den Napoleonischen Kriegen und die östliche Partie im Zuge der gründerzeitlichen Öffnung der Stadt verloren, doch finden sich verschiedenen Stellen „Points of Interest“, die von der Geschichte der Stadt und ihrer Menschen erzählen (Zusammenstellung: Dr. Christian Kayser, an wenigen Stellen ergänzt durch Christoph Engelhard). Points of Interest Einlass Lueginsland Ulmer Tor Westertor Lindauer Tor Hohe Wacht Kempter Tor Rondell Pulverturm Kalchtor Wehrgang an der Kohlschanze Hexenturm Wissenschaftliche Dokumentation des Denkmals Sanierung der Stadtmauer ab 2018 Einlass Durch den Einlass gelangten einst Menschen kontrolliert in die (Vor-)Stadt, wenn die Stadttore abends bereits geschlossen waren. Der vielgestaltige Bau wurde 1474/75 errichtet und besteht aus einem Haupttor (mit innerem Zwingerhof) und einem Vortor (mit äußerem Zwingerhof). Einlass um 1900 (Stadtarchiv Memmingen) Skizze des Einlasses von Carl Spitzweg Zwingerhof im Einlass (Christian Kayser) Lueginsland Der Lueginsland wurde im Zusammenhang mit der Einbeziehung der Ulmer Vorstadt in die Stadtbefestigung im 15. Jahrhundert errichtet und einst einer der höchsten Türme Memmingens. Bei der erzwungenen Entfestigung Memmingens musste er 1805 vollständig abgetragen werden. Der hölzerne Wehrgang hinaus zum Ulmer Tor bzw. nach Süden bis zum Einlass wurde wegen Baufälligkeit 1902 abgebrochen. Blick auf Stadtmauerpartie und Stadtbach am Luginsland vor dem Abbruch des Wehrganges zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Stadtarchiv Memmingen) Bettelturm, Grundrisse von 1900 (Stadtarchiv Memmingen) Bettelturm und Mauer am Lueginsland, fotografiert von Johannes Bischoff im späten 19. Jahrhundert (Stadtarchiv Memmingen) Ulmer Tor Das Ulmer Tor, bis ins 19. Jahrhundert "äußeres Niedergassentor" genannt, wurde 1375/85 errrichtet, um 1470 aufgestockt und 1499 um ein Vortor erweitert. Neben dem Kempter Tor hat es seine mittelalterliche Gestalt bewahrt, wenngleich die einstige feldseitige Bemalung (Ziffernblatt, Heiligenfiguren) nur noch fragmentarisch erhalten ist. feldseitige Erscheinung des Ulmer Tores mit Vortor (Christian Kayser) Ulmer Tor, Durchfahrt und Aufgang in den Turm (Christian Kayser) Dachstuhl im Ulmer Tor (Christian Kayser) Westertor Während der Belagerung Memmingens im Dreißigjährigen Krieg wurde das mittelalterliche Westertor 1647 zerstört und anschließend neu errichtet; die heutige Gestalt des Tores reicht ins Jahr 1660 zurück. Westertor aus der Vogelschau, um 1650 (Stadtmuseum Memmingen) Zwingerturm mit Westertor und St. Martin im Hintergrund (Stadtarchiv Memmingen) moderne Durchfahrt durchs Westertor (Christian Kayser) Lindauer Tor Wie das Westertor wurde auch das Lindauer Tor, zu reichsstädtischer Zeit "Krugstor" genannt, 1647 schwer beschädigt. Beim Wiederaufbau wurde im Obergeschoss des Tores ein repräsentativer Raum für den bayerischen Stadtkommandanten eingerichtet. Lindauer Tor um 1900 (Stadtarchiv Memmingen) Detail einer freigelegten Decke im Lindauer Tor (Christian Kayser) Lindauer Tor, feldseitig (Stadtarchiv Memmingen) Hohe Wacht Die Hohe Wacht in der südwestlichen Ecke der Stadtmauer war eine Artilleriestellung, auf die mittels einer nicht mehr erhaltenen Rampe Kanonen gezogen wurden. Im Inneren ist der im Jahr 2006 sanierte Wehrgang gut erhalten. Der tiefe Graben feldseitig verleiht der Stadt an dieser Stelle einen burgartigen Charakter. Wehrgang an der Hohen Wacht (Christian Kayser) Wehrgang zwischen Hoher Wacht und Kempter Tor, vor 1945 (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) Auffahrt für Kanonen an der Hohen Wacht, Skizze 18. Jahrhundert (Stadtarchiv Memmingen) Kempter Tor Das 1389 errichtete Kempter Tor besitzt noch seine spätmittelalterliche Gestalt. Ein Vortor verdeckt um 1450 gefertigte Fassadenmalereien. Mit Unterstützung des Generalkonservatoriums gelang es 1891, den Abbruch des Tores zu verhindern. Kempter Tor feldseitig, um 1900 (Stadtarchiv Memmingen) Kempter Tor und Knollhaus, Skizze von Bauamtmann Voit, frühes 20. Jh. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv) Fresko am Ulmer Tor, durch den feldseitigen Vorbau verdeckt Rondell Dem Großen Pechturm war ein Rondell vorgesetzt. Bis zum Abbruch 1805 besaß das Ensemble seine mittelalterliche Gestalt; trotz Aufschüttung des Kempter Grabens und der modernen Parkgestaltung ist das Rondell im Gelände noch ablesbar. Stadtmauer-Vorfeld am Rondell (Christian Kayser) Rondell, Ausschnitt aus dem Stadtmodell von 1830 (Stadtmuseum Memmingen) Südliche Stadtbefestigung und Kempter Graben, Ausschnitt aus dem Urkataster von 1819 (Bayerische Landesvermessung) Pulverturm Vollständig aus dem Stadtbild verschwunden ist die Wasserkunst, die zwar zu den Sieben Wahrzeichens Memmingens zählt, aber dem Bahnbau 1862 weichen musste. Am Wasserturm kreuzten sich einst der gewässerte Kempter Graben und der Stadtbach. Daneben wurde Trinkwasser aus dem Benninger Ried per Deichel-Leitung in die Stadt geführt und im Wasserturm mittels eine hydraulischen Anlage gehoben (vgl. Wasserkunst-Modell in Augsburg). Der ins Jahr 1380 dendrochronologisch datierte Pulverturm wurde 1862 nur teilweise abgetragen und erlebte als Belvedere eine neue Nutzung. Stadtmauer zwischen Wasserturm und Lindentörle, Bauaufnahme vor dem Abbruch 1862 (Stadtarchiv Memmingen) Pulverturm (Chr. Kayser) Kalchtor Das mittelalterliche Kalchtor ist nur auf historischen Stichen zu sehen. Nach seiner Zerstörung 1632 wurde es zunächst notdürftig, 1706 dann in barocker Manier neuerrichtet. Mit der Öffnung der Altstadt zum Bahnhof fand die Geschichte des Tores ein jähes Ende. Kalchtor / Hafendeckelturm bei M. Merian, 1643 Östliche Stadtmauerpartie im Bereich des ehemaligen Werkhauses, 1862 abgebrochen (Stadtarchiv Memmingen) Stadtmauer zw. Pulverturm und Kalchtor, 1862 abgebrochen (Stadtarchiv Memmingen) Wehrgang an der Kohlschanze Der Wehrgang zwischen Hafendeckelturm und Hexenturm entlang der Kohlschanze dürfte der älteste original erhaltene überdachte Wehrgang Deutschlands sein, wie dendrochronologische Untersuchungen des Dachstuhls ergeben haben. Mauerpartie an der Kohlschanze nach einem Fliegerangriff 1945 (Stadtarchiv Memmingen) Wehrgang aus dem 14. Jahrhundert westlich des ehemaligen Hafendeckelturmes an der Kohlschanze, unverändert und original erhalten, Zustand vor der Sanierung 2019/20 (Christian Kayser) Wehrgang vor der Sanierung 2019/20 (Christian Kayser) Hexenturm Der Hexenturm war einer von mehreren Gefängnistürmen. Ob hier allerdings der Hexerei beschuldigte Personen inhaftiert werden, darf bezweifelt werden. In seinem Inneren lassen sich drei Bauphasen ablesen - vom 13. über das 14. bis ins späte 15. Jahrhundert. Hexenturm um 1900 (Stadtarchiv Memmingen) Innenraum des Hexenturmes (Christian Kayser) Hexenturm heute (Christian Kayser) Wissenschaftliche Dokumentation des Denkmals Nach mehrjährigen Recherchen und Untersuchungen vor Ort konnte Dr. Christian Kayser 2016 die Ergebnisse seines Gutachtens in gedruckter Form vorlegen. Sie gehen weit über eine touristische Beschreibung der Memminger Stadtbefestigung hinaus und ergründen mit Erkenntnissen aus Archäologie, Bauforschung und Archivalienauswertung die Geschichte der einzelnen, vielfach noch erhaltenen Bauteile der Memminger Stadtbefestigung zu einem großen Ganzen, das der Historische Verein Memmingen e.V. als 8. Band der Memminger Forschungen herausgegeben hat. Das Buch mit zahlreichen Fotografien, Skizzen und Bauaufnahmen kann zum Preis von 25 Euro beim Historischen Verein sowie im Buchhandel bezogen werden. Sanierung der Stadtmauer ab 2018 Nach Jahren gründlicher Vorbereitungen begann die Stadt Memmingen mit finanzieller Unterstützung von Städtebauförderung und Bayerischer Landesstiftung im Frühjahr 2018 mit der schrittweisen Sanierung der Stadtmauer. Im ersten Bauabschnitt steht die statisch-konstruktive Sicherung der Mauer vom Luginsland bis zur Ulmer Straße sowie im Bereich Kohlschanze im Mittelpunkt. Informationen zum Baufortschritt Stadtmauer Städtische Gebäude