Wenn Eltern ihrer Aufgabe nicht gerecht werden können und Kinder niemanden haben, der sich kümmert, springen Pflegefamilien ein. Sie bieten ein Zuhause auf Zeit, manchmal nur für wenige Tage oder auch für viele Jahre. Das Jugendamt der Stadt Memmingen sucht Familien, Paare oder Alleinstehende, die als Pflegeeltern für Kinder und Jugendliche da sein möchten. Was macht eine Pflegefamilie aus und was sind Voraussetzungen? Wir haben mit Simone Wagner, einer erfahrenen Pflegemama gesprochen, die gemeinsam mit ihrem Mann, zwei leiblichen Kindern (8 und 11) und fünf Pflegekindern (7 bis 17) in einer großen Familie lebt.
Eine Familie mit sieben Kindern klingt nach viel Arbeit und turbulentem Alltag.
Ja, das stimmt, bei uns ist es turbulent und kreativ und wunderbar wild. Und zugleich ist unser Alltag sehr strukturiert mit klaren Ritualen und Regeln.
Wie sind Sie dazu gekommen, Pflegekinder aufzunehmen?
Da kam einiges zusammen. Zum einen der Wunsch nach mehreren Kindern, jedoch war bei mir nach zwei Geburten gesundheitlich keine weitere mehr möglich. Dazu kam eine Erfahrung aus der Coronazeit, als ich meinen Beruf als Fotografin nicht ausüben konnte und mit meinen Kindern zu Hause war. Diese Zeit hat uns unheimlich gutgetan. Ich wollte diese Zuhause-Zeit verlängern, das haben unsere Pflegekinder ermöglicht. Sie sind meine Berufung.
Wie war es, als das erste Pflegekind in die Familie kam?
Wir haben in der Bereitschaftspflege angefangen und wollten erst ein Baby oder Kleinkind nehmen. Aber das hat nicht funktioniert, es war ganz anders als mit den eigenen Kindern. Dann kam vom Jugendamt die Anfrage, ob wir eine 14-jährige Teenagerin nehmen könnten. Und das hat sehr gut gepasst. Wir hatten mittlerweile ein paar Pflegekinder, manche sind wieder gegangen, weil es nicht gepasst hat oder andere nach Jahren, als sie erwachsen wurden. Jedes Kind bekommt in unserer Familie Wärme, Stabilität und Zugehörigkeit, und darauf kann man aufbauen. Herzenstechnisch passt es immer bei uns.
Was sagen ihre eigenen Kinder zu den Pflege-Geschwistern?
Viele haben Bedenken. Was tu ich meinen Kindern an, wenn ich mich jetzt plötzlich für fremde Kinder teile? Wie sieht es mit Eifersucht aus? Und welche Einflüsse kommen da in die Familie? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Kinder von den Geschwistern profitieren. Es ist immer jemand da zum Spielen. Sie lernen voneinander, und wir verbringen viel Zeit zusammen.
Was macht eine Pflegefamilie aus?
Familie ist nicht immer genetisch bedingt, sondern dass wir uns bewusst füreinander entscheiden, das ist Familie und das macht uns als Pflegefamilie aus. Und vielleicht noch etwas anderes. Jedes Pflegekind zieht mit seiner Biographie ein, daher reden wir sehr viel miteinander. Wir sprechen auch über schwierige Themen, Probleme oder Ängste. Die Kinder bekommen mit, dass es anderen Kindern nicht immer gut geht, dass man aber etwas dagegen tun kann. Dass man aktiv werden kann, um die Lage zu verbessern.
Wie startet man in eine Pflegefamilie?
Es beginnt mit einem Kennenlerngespräch im Jugendamt. Man muss viel zur eigenen Biografie offenlegen. Das Jugendamt muss einen ja kennenlernen und wissen, wer man ist. Wenn das alles klar ist und man auch etliche Unterlagen ausgefüllt hat, macht man ein Vorbereitungsseminar mit. Bei mir waren es drei Wochenenden. Dabei lernt man die Rechte und Pflichten kennen und was eine Pflegschaft mit sich bringt. Man bespricht mögliche Problematiken und lernt, was die Kinder alles an Gepäck aus ihrer Biographie mitbringen können. Dann ist man irgendwann qualifiziert und wartet auf einen Anruf vom Jugendamt.
Wer kann Pflegekinder aufnehmen?
Die klassische Pflegefamilie gibt es nicht. Wenn ein Paar ein Pflegekind aufnehmen möchte, müssen aber unbedingt beide dahinterstehen. Ob sie verheiratet oder unverheiratet sind, ist egal. Genauso können auch Singles Pflegemama oder Pflegepapa werden. Ich kenne eine Pflegemama, bei der es mit eigenen Kindern nicht geklappt hat. Eine andere ist geschieden und ihre Kinder sind erwachsen. Es gibt viele Pflegeomas, die sich nochmal um ein Baby kümmern wollen oder Freude daran haben, wenn Kinder im Haus sind.
Was ist die größte Herausforderung?
Die größte Herausforderung ist, wenn ein Kind neu in die Familie kommt, dieses Eingrooven und einen Rhythmus finden.
Und was ist das größte Glück?
Es macht mich stolz und es ist ein tolles Gefühl, wenn man das Leben eines Kindes positiv verändern kann. Zu sehen, wie das Kind sich entwickelt, Problematiken überwindet, an Stabilität gewinnt und einen guten Weg geht.
Vielen Dank für das Interview!
Es gibt drei Varianten von Pflegschaften:
Bereitschaftspflege: Das Kind wird spontan in der Pflegefamilie untergebracht und bleibt ein paar Tage, Wochen oder Monate.
Kurzzeitpflege: Das Kind lebt für einen kürzeren Zeitraum über einige Monate in der Pflegefamilie.
Vollzeitpflege: Das Kind lebt dauerhaft in der Pflegefamilie bis zur Volljährigkeit oder darüber hinaus.
Finanzielle Unterstützung für Pflegefamilien: Erstausstattung für das Pflegekind, monatliches Kinderpflegegeld für den Unterhalt des Kindes + 400 Euro Erziehungspauschale, die nicht versteuert werden muss.
Weitere Informationen: Stadt Memmingen: Pflegekinderdienst