Stadt Memmingen:Terrecotte Cinesi

Künstler und Werke - Terrecotte Cinesi

Die dreizehn lebensgroßen Figuren bzw. Figurengruppen aus dem Jahre 1999 - geschaffen für die 48. Biennale in Venedig - sind von unmittelbarer Wirkung und Schönheit. Die Geschichte, in die ihre Geschichte eingebunden ist, macht sie über ihre ästhetische Präsenz hinaus doppelt spannend und interessant, führt sie doch weit in das revolutionäre Kulturverständnis der Zeit Mao Tse-Tungs zurück. Nach dessen theoretischen Vorstellungen entstand unter dem Titel "Der Hof zur Eintreibung der Pacht" in den 1960er Jahren in einem kollektiven künstlerischen Prozess ein Kunstwerk aus 114 lebensgroßen Figuren. Das Skulpturenensemble sollte in anschaulicher Weise das verbrecherische Verhalten der Großgrundbesitzer geißeln, um die Mobilisierung der revolutionären Kräfte voranzutreiben.

Das Ensemble bewegt sich in der traditionellen Technik chinesischer Tonfiguren und erinnert an die Armee der Terrakotta-Krieger des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi (259-210 v. Chr.). Gleichzeitig negiert der "Hof zur Eintreibung der Pacht" aber auch die Regeln und Konventionen, die für die Herstellung heroischer Denkmale gelten und bestimmt ihre Inhalte in ideologisch-kritischer Weise völlig neu.

Als Kurator der 48. Biennale von Venedig gelang es dem international agierenden HaraldSzeemann  zusammen mit dem Künstler Cai Guo-Qiang, im Arsenale eine Rekonstruktion der Originalinstallation des Revolutionsprojekts zu verwirklichen.  

Mit einem Team chinesischer Bildhauer schuf Cai Guo-Qiang eine Art Überarbeitung des Originals. Der Wiederholungsprozess wurde dabei wichtiger als das fertige Endprodukt, das zu heftigen politischen Auseinandersetzungen führte. Man warf dem Kurator und den Künstlern vor, die ursprüngliche Intention eines Meisterwerks der Revolution zugunsten einer Vereinnahmung für die Unterhaltungsbedürfnisse eines westlich-bürgerlichen Publikums verraten zu haben.

Zum Konzept der Rekreation gehörte auch die Absicht, die Figuren aus Ton zwar trocknen, sie dann jedoch zerbröckeln und zu Staub zerfallen zu lassen. Das sollte nicht nur die Vergänglichkeit menschlichen Wirkens im Allgemeinen, sondern auch die Vergänglichkeit politischer Versprechen und Handlungen im Besonderen betonen. Die Interpretation als Niederlage der sozialistischen Versprechen in China sowie als Infragestellung des Fortschritts in der Geschichte lag nahe.

Aus dem vielfigurigen Projekt von Harald Szeemann und dem Bildhauerteam um Cai Guo-Qiang haben die Keramiker Lee Babel und Alessio Tasca die in der MEWO Kunsthalle Memmingen ausgestellten dreizehn Figuren bzw. Figurengruppen im Feuer der Brennöfen Noves bei Vicenza gerettet. Sie haben den Terrecotten eine definitive Ästhetik geschaffen. Dennoch sollten die Terrecotten ihren Kontext nicht verlieren. Die aktuelle Schaustellung bemüht sich um deren Gesamtgeschichte als ihrem vorläufigen Schlusspunkt, der auch die Konfrontationsstelle mit der chinesischen Kunst der Gegenwart ist.