Stadt Memmingen:Qingsong Wang

Künstler und Werke - Qingsong Wang

Qingsong Wang kombiniert traditionelle Techniken der chinesischen Malerei und der europäischen Kunstgeschichte mit einer tief verwurzelten Protesthaltung gegenüber allem "Offiziellen". Die Synthese von kommunistischer Ideologie, religiöser Tradition und wirtschaftlichem Fortschritt ist ein Phänomen Chinas im 20. Jahrhundert, das der in Peking lebende Qingsong Wang satirisch reflektiert und kritisiert.

Skurril und farbenfroh integriert er Warenzeichen mit typischen Pop-Art-Charakteristika und kommentiert so seine sich rasant verändernde Umgebung. Respektlos lässt er altehrwürdigen Gottheiten westliche Konsumgüter darbieten. In anderen Arbeiten transferiert er mittels Komparsen, Masken- und Kostümbildnern akribisch und aufwendig berühmte europäische Bildmotive in chinesisches Ambiente. Reminiszenzen an watteausche Galanterien oder an Manets kühl-realistische Bordellszenen sind erkennbar. Kombiniert mit fernöstlichen buddhistischen Bildtraditionen entsteht ein wilder Mix, in dem Realität und Fiktion vollständig verdreht werden.

Chinas experimentelle Fotografie ist ein aktuelles Phänomen. Vor 1990 waren inszenierte Fotoarbeiten ein kaum existentes künstlerisches Mittel. Mit dem rasant wachsenden Fortschritt nutzen junge chinesische Künstler fotografisch gestellte Szenen vermehrt, um sich mit dem kapitalistischen Zeitgeist und seinen kulturellen, sozialen und politischen Auswirkungen auseinanderzusetzen. In westlichen Kulturkreisen reicht die inszenierte Fotografie bereits in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück. Ein wirklich freier experimenteller Umgang fand mit Yves Kleins konzeptuellen Arbeiten in den 60er Jahren statt. In den 70er Jahre konfrontierte unter anderem Cindy Sherman die Betrachter immer wieder mit sich selbst in stets neu verkleideten Posen. Qingsong Wangs fotografische Wurzeln finden sich vor allem in den mit Doppeldeutigkeiten und Anspielungen voll gepackten riesigen Fotowänden des Künstlerpaars Gilbert und George.

Inszenierte Fotografie führt die ursprüngliche Funktion der Fotografie ad absurdum. Das Festhalten des kostbaren flüchtigen Augenblicks gibt es nicht.
Qingsong Wang suchte sich sein Genre ganz bewusst. Er verweigert die Darstellung von Realität. Durch die Maske der Künstlichkeit, durch die strikte Trennung von Betrachter und Motiv bündelt er die familiären Zeichen und Symbole des zeitgenössischen Lebens wie ein Brennglas.
Die Bühne als künstlerisches Element in der Bildenden Kunst hat insbesondere in China eine lange Tradition. Der Jahrtausend währende Brauch der chinesischen Oper wurde von der Kulturrevolution als ein probates Propagandamittel erkannt. Inhaltlich politisch aufgeladen erlebte die Oper zur Zeit Maos eine enorme Popularität.

Der Umstand, dass die Bühnenaufführungen später nachgestellt wurden, um daraus großformatige Plakate zu generieren, inspirierte Qingsong Wang sicher zu seinen inszenierten Kunstwerken. In seinen fotografischen Tableaus ist Propaganda immer noch inhärent, diesmal jedoch nicht politisch, sondern wirtschaftlich motiviert. Qingsong Wang vermittelt eine ironische Skepsis des Fortschritts im sich schnell wandelnden China - vergangene und gegenwärtige Geschichte aufzeigend und mit politischen, sozialen und kulturellen Themen konfrontierend.

Im Spiegel der brillanten und groß inszenierten Fotografien Qingsong Wangs zeigt sich die schier unglaubliche Entwicklung Chinas in die Gegenwart und Zukunft auf optisch überwältigende Weise. Besonders reizvoll ist der Umstand, dass bei den in den Jahren 1999 bis 2006 geschaffenen und bis ins Detail penibel inszenierten Riesenformaten bei allen kritischen Reflexen die Schaulust und die Ironie aufs Ganze nicht zu kurz kommen.