Stadt Memmingen:Stadt der Freiheitsrechte

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Memmingen - Stadt der Freiheitsrechte

Das Programm der aufständischen Bauern des Jahres 1525, die zwölf „Artikel aller Baurschafft vnnd Hyndersessen“ wurde in der damals freien Reichsstadt Memmingen formuliert. Als Grundlage ihrer Forderungen beanspruchten die Bauern nichts Anderes als „das Evangelium zu hören und dem gemäß zu leben“. In der Heiligen Schrift lasen Sie, „dass sie frei seien und sein wollen“.

Um dieser Forderung Ausdruck zu verleihen, hatten die etwa 50 Vertreter der Bauernhaufen, die sich im März 1525 in der Stube der Memminger Kramerzunft versammelten, schwierige Fragen zu lösen. Wie sollten sie weiter vorgehen, welche Mittel waren zulässig? Nach der Ablehnung gewaltsamer Aktionen gegen die Herrschaft, wurde die Bildung einer Eidgenossenschaft beschlossen, die sogenannte „Christliche Vereinigung“. Sie sollte die zwölf Artikel als Grundlage der Verhandlungen den Herrschaften vortragen. Auch wenn der Forderungskatalog keinen Erfolg hatte und das Aufbegehren des „Gemeinen Mannes“ blutig niedergeschlagen wurde – die Ziele der Bauern weisen weit über die Zeit des Jahres 1525 hinaus.

Knapp 500 Jahre später muss der Äußerung von Bundespräsident Rau aus dem Jahr 2000 Aufmerksamkeit geschenkt werden: „Kein Erfolg der Freiheitsgeschichte, keine einmal erworbene Freiheit ist automatisch für alles Zukunft gesichert“. Daraus ergibt sich der Auftrag, Demokratie und Menschenrechte als unveräußerliches Gut zu allen Zeiten zu stärken und den Weg des Dialogs und Ausgleichs für eine „Gesellschaft in Freiheit und ethischer Verantwortung“ (Ruszat-Ewig, 2017) nie aus dem Auge zu verlieren. Memmingen und im Besonderen das Gebäude der Kramerzunft bieten dafür eine einzigartige Plattform. Dialog und Ausgleich waren der zünftisch verfassten Reichsstadt seit jeher vertraut. Divergierende Interessen innerhalb der Bürgerschaft mussten auf Feldern wie Wirtschaft, Politik oder Kirche unter einen Nenner gebracht werden. Gespräch, Beratung und Kompromiss waren deshalb essentiell im Ringen der Bürgerstadt um den richtigen Weg.

Die Stadt Memmingen ist schon seit längerem um die Bewahrung des freiheitlichen Erbes der Bauern von 1525 bemüht. Schon im Jahr 1975, zur 450. Wiederkehr der Abfassung der "Zwölf Bauernartikel", veranstaltete die Stadt ein international besetztes und vielbeachtetes Forschungssymposion. Der Bauernkrieg und andere Protestbewegungen der deutschen Geschichte fanden damals erstmals und nach langer Zeit der Missachtung Eingang in die politische Kultur unseres Landes. Gustav Heinemann, der damalige Bundespräsident, mahnte zur gleichen Zeit, dass es einer demokratischen Gesellschaft schlecht anstehe, "wenn sie in aufständischen Bauern nichts anderes als meuternde Rotten sieht".

Im Jahr 2000, 475 Jahre nach den Ereignissen in der Kramerzunft, wurde von der Stadt Memmingen zusammen mit dem "Kuratorium Memminger Freiheitspreis 1525" der "Memminger Freiheitspreis 1525" ins Leben gerufen. Ausgangspunkt dieses Gedenkens an die Absichten und Ziele der protestierenden Bauernhaufen war ein Festakt in der Martinskirche im Beisein von Bundespräsident Johannes Rau. Mit dem "Memminger Freiheitspreis 1525" wurde damals eine Auszeichnung geschaffen, die alle vier Jahre verliehen wird. Sichtbares Zeichen des Gedenkens an die Ereignisse von 1525 ist der Freiheitsbrunnen am Weinmarkt unweit der historischen Kramerzunft. Weitere bildungs- und gesellschaftspolitische sowie kulturelle Aktivitäten werden folgen.

Die Zwölf Artikel und die Revolution des gemeinen Mannes

Fast 500 Jahre sind vergangen, seit in Deutschland die abhängigen Bauern die Hoffnungen auf eine bessere Welt zu ihrer Sache machten und mit dem Bauernkrieg von 1525 eines der markanten und spektakulären Kapitel der deutschen Geschichte schrieben. Brennpunkt dieser wichtigen Bewegung war das Land zwischen Donau und Bodensee. Auf dem Höhepunkt der Geschehnisse versammelten sich die Führer der aufständischen Bauern in Memmingen und berieten über ihren Forderungskatalog, der überall im Land ihren Vorstellungen Nachdruck verleihen sollte. Nach langen Beratungsrunden im März des Jahres 1525 wurde in der Reichsstadt Memmingen eine Streitschrift unterzeichnet, die unmittelbar nach ihrem Druck bereits eine immense Verbreitung erfahren sollte.

Die Wirkung der Streitschrift reichte weit über die Stadtmauern hinaus. In nur zwei Monaten erschienen davon 28 Drucke in nahezu allen namhaften Orten des Reiches. Über 25.000 Exemplare wurden im gesamten Aufstandsgebiet der Bauern verteilt. Die Forderungen aus der Kramerzunft in Memmingen wurden oft in den anderen Aufstandsgebieten übernommen und um regionale Beschwerden erweitert. Die "Zwölf Artikel" fanden somit innerhalb weniger Wochen eine Beachtung, die lediglich mit der Wirkung der Schriften Luthers zu vergleichen ist.

Und keine andere Flugschrift dieser Zeit hat den auf dem göttlichen Recht des Evangeliums fundierten Freiheits- und Gerechtigkeitsgedanken deutlicher formuliert.

Im Gewand von Bitten wurde um Abgabenerleichterung, Pfarrerwahl durch die Gemeinde, Freigabe von Jagd und Fischerei, Erweiterung der Gemeinderechte und um die Freiheit als Aufhebung der Leibeigenschaft ersucht.

Die zwölf Artikel griffen die feudale Gesellschafts- und Herrschaftsform an. Sie zielten auf den Feudalherrn als Grundherrn, wenn sie die Reduzierung der Abgaben und Dienste forderten, sie zielten auf den Feudalherrn als Gerichtsherrn, wenn sie eine Rechtsprechung nach Gewohnheitsrecht anmahnten, und sie zielten auf den Feudalherrn als Leibherrn, wenn sie die Beseitigung der Leibeigenschaft verlangten, die durch Dienste und Todfallabgaben die bäuerliche Wirtschaft belastete und durch die Beschränkung der Freizügigkeit und der Ehefreiheit das Leben der Bauern prägte. Beim Eingehen von Ehen mit Leibeigenen fremder Leibherren mussten die Verheirateten Konfiskationen ihres Besitzes an Gütern und fahrendem Vermögen hinnehmen. Mit Hilfe der sogenannten Todfallabgabe wurden von Leibeigenen, die starben, nicht nur das beste Stück Vieh und das beste Kleidungsstück eingezogen, sondern oft ein Drittel bis zu einer Hälfte der gesamten Hinterlassenschaft.

Im 12. Artikel wird die Übereinstimmung der Beschwerden mit der Bibel bezeugt und das Evangelium zum Maßstab einer gerechten Ordnung beschworen. Der Zusammenrottung der Bauern gab das göttliche Recht eine gänzlich neue Grundlage und Legitimation. Das göttliche Recht der Bauern siedelte sich gewissermaßen neben der göttlichen Gerechtigkeit an, die von den Reformatoren als die erlösende Zuwendung Gottes zu den Menschen entwickelt worden war. Was mit geltendem Recht nicht gelingen konnte, sollte mit dem göttlichen Recht als gänzlich neues rechtstheoretisches Prinzip bewerkstelligt werden.

Man bezeichnet deshalb die Memminger Beratungsrunden im März 1525 nicht ohne Grund auch als "Bauernparlament". Eine Art verfassungsgebender Versammlung, die, wenn auch nur in Grundzügen, die politische Macht bestimmten Institutionen zuschrieb - der Gemeinde, dem Haufen und dem Bund. Der Bauernkriegsforscher Peter Blickle spricht von einem kommunal-republikanischen Modell das gänzlich neu war und für die Bauern eine politische Schöpfung ex nihilo. Der tiefe Gehalt dieses neuen Herrschaftsmodells war, dass sich damit auch ohne die alten Obrigkeiten hätte leben lassen. Die blutige Niederschlagung der aufständischen Bauern durch den Adel im Gefolge der Memminger Versammlung mag in der Brisanz dieser Positionen seinen eigentlichen Grund finden.

Memmingen als Ereignisort der Geschichte

Welche Rolle spielt nun Memmingen in einem Prozess von solcher Tragweite? Sicher ist, dass Memmingen nicht ohne Grund von den Aufständischen zum Versammlungsort gewählt wurde. Die Stadt hatte sich in Oberschwaben, dem Rekrutierungsfeld der revoltierenden Bauern einen Namen gemacht. In der damals allgegenwärtigen Auseinandersetzung um den rechten Glauben und das rechte Leben galt die Stadt als progressiv, so wie Wittenberg, Zürich und auch Straßburg, wo Martin Luther, Huldrich Zwingli und Martin Butzer predigten. In Memmingen war es der Zwingli-Schüler Christoph Schappeler, der dafür gesorgt hatte, dass sich im Dezember 1524 und im Januar 1525 die Reformation durchsetzte. In St. Martin und der Kirche Unser Frauen war die Messe abgeschafft, die neue Glaubensvorstellung hatte sich weitgehend durchgesetzt.

Seitdem stand Memmingen als erste und einzige Reichsstadt in ganz Oberschwaben eindeutig im Lager der Reformation. Und Memmingen galt als bauernfreundlich. Es muss deshalb nicht verwundern, dass der Memminger Rat ohne großes Zögern den ca. 50 Abgeordneten der Baltringer, Bodenseer und Allgäuer Bauernhaufen die stattliche Kramerzunftstube am Weinmarkt als Beratungsort zur Verfügung stellte. Die Stadt war für die Aufständischen ein sicherer Platz und versprach zudem den Zugang zu schriftkundiger Hilfestellung.

Neben dem Reformator Schappeler war es der Memminger Kürschner Sebastian Lotzer, der als Unterstützer in Frage kam. In Lotzer hatten bereits die abhängigen Bauern in den Dörfern der Reichsstadt einen Fürsprecher gefunden. Auch sie hatten ihre Herren, die Memminger Räte, und dies schon in den Wochen vor der Ankunft der auswärtigen Bauernhaufen, mit dem Ruf nach neuer Freiheit konfrontiert. Lotzer vermittelte und erreichte einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss. Er war dabei das Scharnier zwischen der reformatorischen Bewegung in der Stadt und auf dem Land. Persönlich tief von der Reformation ergriffen, gehörte er zum engsten Kreis um den Reformator Christoph Schappeler und wurde zu seinem maßgeblichen Mitstreiter. Deswegen wandte sich der Kommandant des Baltringer Haufens Ulrich Schmid an Sebastian Lotzer, als er einen Feldschreiber für seinen Baltringer Haufen suchte. Und deswegen war Lotzer schnell in der Rolle eines Protokollanten für das Memminger "Bauernparlament". Er war es auch, der eine Einladung an die Allgäuer und Bodenseer zu gemeinsamen Beratungen am 6. März 1525 in Memmingen sandte.

In der Forschung gilt heute als eindeutig, dass die Memminger Christoph Schappeler und Sebastian Lotzer die Abfassung der "Zwölf Bauernartikel" und der "Bundesordnung der Christlichen Vereinigung" nicht nur als Schriftführer begleiteten. Der Kürschner Lotzer ist ohne Zweifel als Mitautor zu deuten und der Reformator Schappeler, der an St. Martin entschlossen und unbeirrbar eine zwinglianisch geprägte Reformation vorantrieb, gilt unbestritten als geistiger Mentor dieser bedeutendsten Schriftstücke der Bauernkriegsgeschichte.

Downloads

Edition und Literatur

  • Ruszat-Ewig, Heide: Die 12 Bauernartikel. Flugschrift aus dem Frühjahr 1525 (Memminger Geschichtsblätter Sonderheft), Memmingen 2018
  • Zwölf Artikel und Bundesordnung der Bauern, Flugschrift "An die versamlung gemayner pawerschafft". Traktate aus dem Bauernkrieg 1525, übertragen von Christoph Engelhard, mit einer Einführung von Peter Blickle über Memmingens Rang in der Geschichte der Reformation, 2000 (erhältlich beim Stadtarchiv im Grimmelhaus und bei den Museen der Stadt Memmingen, Preis: 4 Euro)
  • Blickle, Peter: Die Revolution von 1525, 4. durchges. Aufl., München 2004 (im Buchhandel erhältlich, Preis 24,80 Euro)
  • Blickle, Peter: Memmingen - Ein Zentrum der Reformation, In: Die Geschichte der Stadt Memmingen, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt, Stuttgart 1997, S. 351-418 (vergriffen)
  • Kuhn, Elmar L. / Blickle, Peter (Hrsg.): Der Bauernkrieg in Oberschwaben (Oberschwaben - Ansichten und Aussichten, hrsg. von der Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur), Tübingen 2000 (vergriffen)

Memminger Freiheitsbrunnen 1525

Im Rahmen der Neugestaltung des Memminger Weinmarktes 2008 lobte die Stadt Memmingen einen Wettbewerb um einen neuen Brunnen aus. Wettbewerbsthema waren die im März 1525 in der Memminger Kramerzunftstube am Weinmarkt verabschiedeten „Zwölf Bauernartikel“.

Im August 2009 wurden die eingereichten zwölf Brunnenmodelle von einer Jury bewertet. Ein erster Platz konnte zunächst noch nicht vergeben werden, da die Jurymitglieder in den Modellen und Konzepten den Bezug zu den Bauernartikeln noch stärker umgesetzt sehen wollten. Vier Künstler erhielten hierauf die Gelegenheit, ihre Entwürfe nachzubessern.

Im Oktober 2009 empfahl die Jury dem Stadtrat, den Augsburger Künstler Andy Brauneis mit der Gestaltung des Freiheitsbrunnens zu beauftragen.

Die Mitglieder der Jury waren:

  • Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger
  • Stadtrat Herbert Müller
  • Einzelhandelsvorsitzende und Stadträtin Mechthild Feldmeier (Aug. 2009)
    bzw. Stadtrat Hans Ferk (Okt. 2009)
  • Künstler Dieter Kunerth
  • Winfried Becker, Berufsverband Bildender Künstler Schwaben-Süd
  • Landschaftsarchitekt Ludwig Schegk
  • Kulturamtsleiter Dr. Hans-Wolfgang Bayer

Grundidee des Brunnens von Andy Brauneis sind zwölf Bronzetafeln, die - scheinbar aufeinander „gestellt“ – einen neun Meter hohen, vierseitigen Turm bilden. In den einzelnen Tafeln sind unsichtbar Düsen eingebracht, die Wasser aus der hohen Stele sprühen. Auf dem Sockel aus 49 Steinwürfeln sind auf Bronzetafeln Auszüge aus den Zwölf Bauernartikel (in der modernisierten Fassung von Heide und Steffen Ewig) zu lesen.

Dank einer großzügigen Spende über 60 Prozent der Erstellungskosten des Brunnens durch Elisabeth Bach-Schedel und Dr. Claus-Peter Bach konnte das Brunnenkonzept im Mai 2014 durch die Metallatelier GmbH realisiert werden.

Nach der erfolgten baulichen Umgestaltung des Weinmarktes in Memmingen, eines der wichtigsten Stadträume der mittelalterlichen Altstadt, soll dieser wieder einen Brunnen erhalten. Die Idee eines Brunnens ist bereits Bestandteil des umgesetzten ersten Preises des Städtebaulichen Realisierungswettbewerbs für die Umgestaltung von Weinmarkt und Rossmarkt aus dem Jahr 2007. Wenige Meter westlich der Kreuzung der Kramerstraße (Fußgängerzone) mit dem Weinmarkt (verkehrsberuhigter Bereich) soll der Brunnen seine Wirkung im Raumgefüge des Platzes entfalten; er soll den ansonsten sehr ruhig gestalteten Platzraum akzentuieren. Dieser Standort ist einzuhalten und technisch bereits vorbereitet. An fast genau derselben Stelle lässt sich auf historischen Karten und Bildern ein Brunnen nachweisen.

Als Thema für den Brunnen werden die „12 Bauernartikel“ vorgegeben, die im Jahr 1525 im Haus der „Kramerzunft“ am südwestlichen Ende des Platzes (Weinmarkt 15) verkündet worden sind.

Die besondere Stellung des Brunnens im Platzraum bedarf einer räumlichen Wirkung und somit einer dreidimensionalen Ausprägung. Andererseits ist die städtebauliche Maßstäblichkeit zu wahren und sind weitere Funktionen (Verkehr etc.) zu beachten. Der Brunnen soll der zusätzlichen Belebung der Altstadt – auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten - dienen. Er sollte im mehrfachen Wortsinn „zugänglich“ sein um von Bürgern aller (Alters-)Schichten angenommen zu werden.Darüber hinaus hat der künftige Brunnen auch eine ordnende Funktion für die Abläufe auf dem Platz, insbesondere auch für den Verkehr. Er sperrt zumindest optisch den nördlichen Teil des Weinmarktes mit den großen, attraktiven Vorzonen vor den Gebäuden für den Verkehr ab. Dieser soll nach Möglichkeit nicht durch optisch störende Einbauten wie Poller, Borde u. ä. geleitet werden. Die Andienung der Geschäfte ist zu gewährleisten. Der Brunnen sollte also eine gewisse räumliche Autorität entwickeln, ohne die gewünschten Bewegungen zu verhindern.

Vorgaben und Empfehlungen an die Wettbewerbsteilnehmer:

Im Deckenhöhenplan ist eine Grundfläche eingezeichnet, die sich städtebaulich einfügt und die erforderlichen Verkehrsbeziehungen ermöglicht. Innerhalb dieser Fläche kann der Standort variieren, dabei sollte eine Grundfläche von ca. 4 x 4 m nicht wesentlich überschritten werden. Die Microtopographie (Quergefälle) des Stadtbodens, die sich insbesondere aus entwässerungstechnischen Erfordernissen ergibt, muss bewältigt werden.

Der künftige Brunnen wird sich aus dem Trinkwasser der Stadt Memmingen speisen, das mit einem Wasserdruck von ca. 5 – 5,5 bar zur Verfügung steht. Erforderliche technische Einrichtungen zur Regulierung und Steuerung werden in einem Technikcontainer unter Flur in unmittelbarer Nähe zum Brunnen untergebracht. Elektrische Anschlüsse für eventuelle Beleuchtung sind ebenfalls vorhanden. Besonders aufwändige und damit anfällige technische Installationen werden an dieser Stelle jedoch nicht für sinnvoll gehalten. Auf eine gewisse Robustheit und Vorsorge gegen Vandalismus ist zu achten.

Es soll bewusst kein Ausschluss bzw keine Vorgabe von Materialien erfolgen, um kreative Ansätz im Umgang mit Materialien nicht von vorneherein zu unterbinden. Traditionell bewährte Materialien sind sicherlich auch für diese Situation gut geeignet; auf die Besonderheiten des historischen Kontextes sei an dieser Stelle hingewiesen.

Der Freiheitsbrunnen am Weinmarkt hat seinen Ursprung im Gedenken der Memminger Bürgerschaft an die Abfassung der 12 Bauernartikel im Jahre 1525.

Der Künstler Andy Brauneis hat dies zum Anlass genommen, eine hochaufragende Stele aus Bronze zu schaffen, deren Konstruktion auf zwölf Rechtecken basiert. Die Rechtecke sind als Paare auf sechs Etagen einander gegenübergestellt und ergeben eine teildurchlässige Säule mit einer Grundfläche von 60 mal 60 Zentimetern und einer Höhe von neun Metern. Was die Stele zum Brunnen macht, sind unsichtbare Spritzdüsen, die auf allen Etagen Wasser in einem zeitlichen Rhythmus und in feiner Dosierung austreten lassen.

Das Fundament des Brunnens ist aus sieben mal sieben Steinquadern gebildet. An dessen Außenkanten sind in Kurzform die Beschwerden und Forderungen der oberschwäbischen Bauern zu lesen, die im März des Jahres 1525 in der Kramerzunft am Weinmarkt abgefasst worden waren.

Das Treffen der Bauern in Memmingen war eine erste verfassungsgebende Versammlung, auf der Grundprinzipien politischer Gemeinwesen formuliert wurden: Freiheit, Gerechtigkeit, Wahl, Selbstbestimmung und Mitbestimmung. Als Grundlage ihrer Forderungen beanspruchten die Bauern nichts anderes als „das Evangelium zu hören und dem gemäß zu leben“. In der Heiligen Schrift lasen sie, „dass sie frei seien und sein wollen“. In den „Zwölf Artikeln“ wird unter Berufung auf „göttliches Recht“ die Universalität der Menschenrechte bezeugt, die durch kein lokales oder sonstiges Sonderrecht außer Kraft gesetzt werden dürfen. Die „Zwölf Artikel“ sind damit zu allererst ein Monument der Freiheit, das für alle Menschen und zu allen Zeiten Gültigkeit beansprucht.

Ziel der Brunnengestaltung war es deshalb nicht, die Geschichte des Bauernkriegs zu erzählen. Es stellte sich vielmehr die Aufgabe, dem hohen Gut der Freiheit und nicht zuletzt ihrer Zerbrechlichkeit eine Gestalt zu geben. Denn wir wissen, dass Freiheit, einmal errungen, nicht für immer gesichert ist. Sie bleibt verletzlich und angreifbar. Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft ist es deshalb, Freiheit wertvoll zu machen, ihr Funktionieren transparent zu halten und Bedrohungen von außen wie von innen zu benennen.

Das Bauprinzip des Memminger Freiheitsbrunnens gibt diesen Ansprüchen Form und Inhalt. Die zwölf Rechtecke unserer Stele erinnern an Tafeln und sie erinnern an die biblische Rechtssetzung. Gott überlässt Moses seine Gebote auf steinernen Gesetzestafeln. Damit ist ihnen Wert und Dauer verliehen.

Die Tafeln des Freiheitsbrunnens stehen für je einen Artikel. Aber sie sind nicht fest gemauert. Ihre Auflagen sind behutsam verzapft, die Profile schmal, die Konstruktion zeigt sich feingliedrig und beinahe fragil. Die Zartheit der Skulptur wird damit zum Symbol für ein kostbares Gut, dessen Fortbestand unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Das hochwertige Material Bronze trägt das seine dazu bei, diese Botschaft zu transportieren.

In Anbetracht der hohen Fallhöhe mag es eine sinnvolle Vorkehrung sein, dass das Wasser nur in feiner Dosis und wie gesprüht aus den Brunnenetagen austritt. Der produzierte Wassernebel kann sich dafür frei bewegen, er hat kein Ziel und keine Richtung, sondern erfüllt sein Umfeld wie die Luft zum Atmen. Freiheit und Menschenwürde sind keine Geschenke, sie sind jedem Menschen zu eigen und sollen überall ihre Wirkung entfalten.

Auch in der Offenheit der Konstruktion liegt Bedeutung. Von allen Seiten der Brunnenstele ergeben sich Durch- und Einblicke. Wir sehen, warum die Stele hält und was Sie zum Einsturz brächte. Genauso müssen die Bauprinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft für Ihre Bürger einsichtig und prüfbar bleiben. Auch deshalb ist der Brunnen begehbar. Es gibt kein Wasserbassin, keine Barriere hält auf Distanz. Vor der Freiheit muss niemand ehrfurchtsvoll verharren. Um sie zu bewahren, müssen wir sie beleben und uns mit ihr auseinandersetzen.

Nicht zuletzt sucht der Brunnen Anschluss an das bauliche Ensemble seines Standorts. Die Gestaltung der feinen, vertikal aufragenden Linien korrespondiert mit der Fachwerkskonstruktion der benachbarten Weberzunft aus dem Jahr 1478. Die Brunnenskulptur steht in einem harmonischen Verhältnis sowohl zur Farbstellung der Fachwerkriegel wie zu den Proportionen der Fachwerkfelder. Der hoch aufragende Baukörper der Stele ist dem hohen Giebel der Weberzunft ein ebenbürtiges Pendant. Die Leichtigkeit der Konstruktion verhindert, dass der bedeutenden Fachwerkfassade ihre Wirkung genommen wird.

Kunst ist in vielem die Sichtbarmachung dessen, was sonst nicht sichtbar wäre. Und sie bedient sich dafür einer eigenen Sprache. Wie sonst könnte es ihr gelingen, über den Alltagsdiskurs hinauszugehen. Das ist im Übrigen keine Eigenheit der Moderne, dies gilt für alle Epochen. Berechtigung und Auftrag der Kunst nähren sich aus dem Anspruch, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Es darf deshalb nicht verwundern, wenn ein Kunstschaffender wie Andreas Brauneis das Gedenken an den abstrakten Wert der Freiheit in eine abstrakte Form gießt.

Dr. Hans-Wolfgang Bayer

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Den vollständigen Text der 12 Artikel finden Sie auf den Seiten des Stadtarchivs Memmingen in der Rubrik Quellen zusammen mit einem Digitalisat zum Download.