Stadt Memmingen:2005: Dr. Gyula Horn

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"Memminger Freiheitspreis 1525"

Preisträger 2005: Dr. Gyula Horn

Erster Preisträger ist der ehemalige Außenminister der Volksrepublik Ungarn und spätere Ministerpräsident der Republik Ungarn Dr. Gyula Horn.

Die Verdienste von Gyula Horn bei der Öffnung des Grenzzauns zwischen Österreich und Ungarn und seine mutige Entscheidung zu Gunsten eines legalen Transits ostdeutscher Flüchtlinge durch Ungarn sind in herausragender Weise mit der Wahrung universeller Freiheitsrecht verbunden. Sein beispielhafter Einsatz für den internationalen Dialog und die allgemeine Gültigkeit von Freiheit und Humanität hat dem Geschichtsverlauf der Jahre nach 1989 einen entscheidenden Anstoß gegeben und stand am Beginn des deutschen und schließlich europäischen Einigungsprozesses.

Gyula Horn wurde am 5. Juli 1932 in Budapest geboren. Der Vater, deutschstämmiger Arbeiter und Kommunist war während des zweiten Weltkrieges im Untergrund aktiv bis er 1944 von der Gestapo ermordet wurde. Gyula Horn wurde nach Verdiensten im kommunistischen Jugendverband die höhere Schulbildung ermöglicht und schließlich das Studium der Wirtschaftswissenschaften in Rostow am Don.

Seit 1953 war er Mitglied der kommunistischen sozialistischen Arbeiterpartei Ungarns und arbeite im ungarischen Finanzministerium. Nicht zuletzt seine Distanz zum Volksaufstand unter Imre Nagy von 1959 ermöglichte ihm einen Aufstieg im Außenministerium. 1961 bzw. 1963 war er Attaché an den Botschaften in Sofia und Belgrad. Im Rang eines Botschaftsrates wechselte er 1971 vom Außenministerium in die außenpolitische Abteilung beim ZK. 1983 wurde er dort Abteilungschef. Schon zu dieser Zeit waren Ungarns Kontakte zu den westlichen Ländern wesentlich ausgebaut worden und eine Periode der Liberalisierung auf vielen Gebieten zeichnete sich ab.

Im März 1985 kam Gyula Horn als Vollmitglied in das Zentralkomitee und übernahm das Amt des Staatssekretärs im Außenministerium. Nach dem Ende der Ära von Janos Kadar wurde Horn 1989 ungarischer Außenminister. Sein Amtsantritt setzte Zeichen, gehörte er doch zu den ersten Ministern, die nicht mehr vom ZK vorgeschlagen wurden und durch die Volksvertretung im Parlament eine Bestätigung erfuhren.

Horn überraschte bald durch seine Offenheit. So nannte er schon im November 1988, als Gast auf der Tagung der Nordatlantischen Versammlung, die Präsenz fremder Truppen in europäischen Ländern einen "Anachronismus". Im Mai 1989 war er der erste hochrangige Politiker, der das Gerichtsverfahren gegen Imre Nagy als Schauprozess bezeichnete. Am 27. Juni 1989 durchschritt Horn, gemeinsam mit dem österreichischen Außenminister, den Stacheldraht an der Westgrenze Ungarns.

Ein historische Rolle fiel Horn schließlich im Sommer 1989 zu, als Tausende von ausreisewilligen DDR-Bürgern in der Botschaft der Bundesrepublik in Budapest verharrten und auf eine Entscheidung warteten. Die Massenflucht über Österreich in die Bundesrepublik wurde möglich, nachdem die ungarische Regierung in der Nacht zum 11.9.1989 die Grenze nach Österreich geöffnet hatte. Menschenrechte seien wichtiger als selbst die vertraglich abgesicherte Solidarität  mit dem Warschauer-Pakt-Partner DDR, begründete Horn die Ausreise der Flüchtlinge, die der Auftakt der politischen Wende im Osten Europas wurde. "Eine visionäre Kraft des außenpolitischen Denkens und Mut" bescheinigte Außenminister Hans-Dietrich Genscher seinem ungarischen Amtskollegen im Januar 1990.

Bei den ersten freien Wahlen Ungarns nach 1947 im April 1990 verlor die reformierte Nachfolgepartei der früheren Kommunisten, mit Horn an der Spitze die Regierungsgewalt an eine bürgerliche Koalition. Horn schied aus der Regierungsverantwortung aus bis im Jahr 1994 die Sozialisten unter seiner Führung die absolute Mehrheit der Stimmen erreichten und Gyula Horn Ministerpräsident von Ungarn wurde.

Horn betrieb eine strenge Sparpolitik, die ihm während seiner ganzen Regierungszeit harsche Kritik auch aus den eigenen Reihen einbrachte. Sehr erfolgreich verfolgte Horn eine Politik der Westintegration. Im Juli 1997 wurde Ungarn in die NATO aufgenommen, am 13. April 2003 sprachen sich schließlich 83% der Ungarn für eine Betritt ihres Landes zur EU aus.

Bereits im Mai 1998 hat Horn die Wiederwahl mit seiner Sozialistischen Partei verfehlt. Nach der Ablösung als Regierungschef zog er sich auch aus dem Parteivorsitz zurück.

Nach langer Krankheit starb Gyula Horn am 19. Juni 2013 in seiner Geburtsstadt Budapest.

(Quelle: Munziger Archiv)

Preisverleihung 2005

Am 5. Oktober wurde in der Kirche St. Martin der "Memminger Freiheitspreis 1525" an Dr. Gyula Horn, ehemaliger Außenminister der Volksrepublik Ungarn und späterer Ministerpräsident der Republik Ungarn, verliehen. Die Laudatio auf den Preisträger hielt der Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse.

In Erinnerung an die im Jahr 1525 in Memmingen verfassten zwölf Bauernartikel wurde der mit 15 000 Euro dotierte "Memminger Freiheitspreis" von der Stadt Memmingen und dem Kuratorium "Memminger Freiheitspreis 1525" für Verdienste um die Freiheit, Recht und Gerechtigkeit als ersten Preisträger an Dr. Gyula Horn verliehen. Der ungarische Außenminister und sein österreichischer Amtskollege Dr. Alois Mock durchschnitten am 27. Juni 1989 symbolisch den Grenzzaun zwischen Ungarn und Österreich. Der Eiserne Vorhang hatte eine erste Lücke und bald konnten Flüchtlinge aus der DDR nach Österreich und damit in den Westen ausreisen.

Beim Festakt in der Martinskirche folgten nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger Grußworte von Dekan Kurt Kräß und vom Landtagsabgeordneten Herbert Müller, Vorsitzender des Freiheitspreis-Kuratoriums. Einer Aufführung unter dem Titel "Gedanken zur Freiheit" von Schülerinnen und Schülern der Sebastian-Lotzer-Realschule schlossen sich die Laudatio des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse und die Preisverleihung an. Nach den Dankesworten von Dr. Gyula Horn, ehemaliger ungarischer Außenminister und Ministerpräsident, sang die Festgemeinde einen Choral. Der evangelische Dekan Kurt Kräß und der katholische Dekan Siegbert Schindele erteilten abschließend gemeinsam den Segen. Für die musikalische Gestaltung des Festakts sorgten der Bläserchor St. Martin unter der Leitung von Rolf Spitz und Kirchenmusikdirektor Hans-Eberhard Roß an der Orgel.

Nach dem Festakt stand der Besuch der Kramerzunft auf dem Programm, wo die Bauernartikel einst verfasst wurden.

Am Abend spielte die Stadtkapelle auf dem Marktplatz. Der Preisträger Dr. Gyula Horn, Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger und Staatsminister Josef Miller sprachen vom Balkon der Großzunft aus zu den Memminger Bürgerinnen und Bürgern auf dem Marktplatz. In einer szenischen Darstellung wurden anschließend die zwölf Bauernartikel verlesen.

Den Abschluss des Tages bildete ein Festkonzert in der Martinskirche, bei dem Kirchenmusikdirektor Hans-Eberhard Roß neben Orgelwerken von Bach als Hommage an das Heimatland des Preisträgers auch Werke der ungarisch-deutschen Komponisten Franz Liszt und Zoltan Gárdonyi zu Gehör brachte.

Zum Verleihung des "Memminger Freiheitspreises 1525" kam auch eine Delegation aus dem mit Memmingen befreundeten Ort Litzelsdorf im Burgenland (Österreich) unter der Leitung von Bürgermeister Erich Graf.

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