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Logo Memminger Freiheitspreis 1525
Wandgemälde an der Kramerzunft in Memmingen
Wandgemälde und Inschrift: In diesem Haus vrsammelten sich im März 1525 die aufständischen Bauern um ihre Forderungen in den berühmten "12 Artikel" festzulegen.

Den Text der Zwölf Bauernartikel können Sie auf den Seiten des Stadtarchivs in der Rubrik Quellen nachlesen.

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Titelblatt der 12 Bauernartikel
Titelblatt der 12 Bauernartikel

Seit dem Jahr 2005 wird der „Memminger Freiheitspreis 1525“ für Verdienste um Freiheit, Recht und Gerechtigkeit zuerkannt.

Nach der ersten Preisvergabe 2005 an den ehemaligen ungarische Außenminister Dr. Gyula Horn wurde der Preis zum zweiten Mal im März 2009 an den Autor und Lyriker Reiner Kunze verliehen. Im Jahr 2013 wurde die pakistanische Menschenrechtlerin Malala Yousafzai ausgezeichnet. Der katholische Bischof Dr. Erwin Kräutler soll am 25. September 2016 mit dem Memminger Freiheitspreis ausgezeichnet werden.

Mit der Erinnerung an das Bauernkriegsjahr 1525 soll das Erbe der in Memmingen von den aufständischen Bauern verfassten zwölf Bauernartikel wach gehalten werden. Dieser Forderungskatalog gilt heute als erste Formulierung von Grund- und Menschenrechten auf deutschem Boden.

Ausgezeichnet werden Persönlichkeiten, Verbände, Initiativen, die sich im Namen der Menschenwürde für Freiheit, Recht, Gerechtigkeit einsetzen. In ihrem Bestreben  Machtmissbrauch aufzudecken und zu verhindern sind sie ermutigende, motivierende Vorbilder in unserer Gesellschaft. In den Artikeln der Bauernschaft wurden auf der Grundlage des Evangeliums zum ersten Mal grundlegende Freiheitsrechte für Menschen eingefordert und in christlicher Verantwortung in einzelnen Forderungen nach Gerechtigkeit konkretisiert. Freiheit ist zu allen Zeiten ein Gestaltungsprozess, nie abgeschlossen, oft gefährdet, ein Prozess, der das Gespräch mit allen Gruppen der Gesellschaft braucht und sucht. Ergebnis dieses Prozesses ist die Formulierung von Recht, das Gerechtigkeit zum Ziel hat. Auf der Grundlage der Freiheitsrechte für jeden Menschen fordern die Bauernartikel die Legitimation und Beschränkung von staatlicher Gewalt. Macht darf nie willkürlich ausgeübt werden. Sie hat vielmehr der Freiheit und der Gerechtigkeit zu dienen.

Welche Bedeutung der damaligen Versammlung der Bauern innerhalb der Geschichte der Freiheitsbewegungen in Deutschland zugemessen wird, dokumentierte im Jahr 2000 Bundespräsident Dr. h.c. Johannes Rau, der anlässlich der Memminger Gedenkfeier zur 475. Wiederkehr des Abfassung der zwölf Artikel die Beschwerdeschrift der oberschwäbischen Bauern als die erste demokratische Verfassungsurkunde auf deutschem Boden bezeichnete.  Eine frühe Formulierung von Grund- und Menschenrechten, wie sie  erst wieder 1848 in der Paulskirchenverfassung aufgenommen und letztlich erst mit der Weimarer Reichsverfassung im Jahr 1919 geltendes Recht in Deutschland wurden.

Die Auszeichnung des „Memminger Freiheitspreises 1525“ besteht aus einer Urkunde, einem Gedenksiegel und einem Geldpreis in Höhe von 15.000,-- Euro. Das Auswahlgremium setzt sich aus dem Oberbürgermeister der Stadt Memmingen, einem Vertreter des Kuratoriums Memminger Freiheitspreis 1525, dem Ersten Pfarrer von St. Martin sowie vier Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und öffentlichem Leben zusammen. Namentlich sind dies Oberbürgermeister Markus Kennerknecht, der Landtagsabgeordnete a.D. Herbert Müller (Vorsitzender "Kuratorium") und der evangelische Dekan Christoph Schieder. Auswärtige Jurymitglieder sind die Bundesministerin a. D. Renate Schmidt, der ehemalige Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel, der Landesbischof der ev.-luth. Kirche in Bayern EKD-Ratsvorsitzender Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm und der Historiker Prof. Dr. Bernd Roeck.

Die besondere Wertschätzung des Preises kommt auch in der Bereitschaft des damaligen Bundespräsidenten Prof. Dr. Horst Köhler zum Ausdruck, die Laudatio auf Reiner Kunze zu übernehmen. Die Anwesenheit des Bundespräsidenten bei der Preisverleihung am 20. März 2009 in der Kirche St. Martin in Memmingen unterstrich nochmals den Rang, welcher der Memminger Abfassung der 12 Bauernartikel innerhalb der Geschichte der Freiheitsbewegungen in Deutschland zugemessen wird.

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Memmingen und die Freiheit

Die Zwölf Bauernartikel und die Revolution des gemeinen Mannes

Mehr als 490 Jahre sind vergangen, seit in Deutschland die abhängigen Bauern die Hoffnungen auf eine bessere Welt zu ihrer Sache machten und mit dem Bauernkrieg von 1525 eines der markanten und spektakulären Kapitel der deutschen Geschichte schrieben. Brennpunkt dieser wichtigen Bewegung war das Land zwischen Donau und Bodensee. Auf dem Höhepunkt der Geschehnisse versammelten sich die Führer der aufständischen Bauern in Memmingen und berieten über ihren Forderungskatalog, der überall im Land ihren Vorstellungen Nachdruck verleihen sollte. Nach langen Beratungsrunden im März des Jahres 1525 wurde in der Reichsstadt Memmingen eine Streitschrift unterzeichnet, die unmittelbar nach ihrem Druck bereits eine immense Verbreitung erfahren sollte.

Die Wirkung der Streitschrift reichte weit über die Stadtmauern hinaus. In nur zwei Monaten erschienen davon 28 Drucke in nahezu allen namhaften Orten des Reiches. Über 25.000 Exemplare wurden im gesamten Aufstandsgebiet der Bauern verteilt. Die Forderungen aus der Kramerzunft in Memmingen wurden oft in den anderen Aufstandsgebieten übernommen und um regionale Beschwerden erweitert. Die "Zwölf Artikel" fanden somit innerhalb weniger Wochen eine Beachtung, die lediglich mit der Wirkung der Schriften Luthers zu vergleichen ist.

Und keine andere Flugschrift dieser Zeit hat den auf dem göttlichen Recht des Evangeliums fundierten Freiheits- und Gerechtigkeitsgedanken deutlicher formuliert.

Im Gewand von Bitten wurde um Abgabenerleichterung, Pfarrerwahl durch die Gemeinde, Freigabe von Jagd und Fischerei, Erweiterung der Gemeinderechte und um die Freiheit als Aufhebung der Leibeigenschaft ersucht.

Die zwölf Artikel griffen die feudale Gesellschafts- und Herrschaftsform an. Sie zielten auf den Feudalherrn als Grundherrn, wenn sie die Reduzierung der Abgaben und Dienste forderten, sie zielten auf den Feudalherrn als Gerichtsherrn, wenn sie eine Rechtsprechung nach Gewohnheitsrecht anmahnten, und sie zielten auf den Feudalherrn als Leibherrn, wenn sie die Beseitigung der Leibeigenschaft verlangten, die durch Dienste und Todfallabgaben die bäuerliche Wirtschaft belastete und durch die Beschränkung der Freizügigkeit und der Ehefreiheit das Leben der Bauern prägte. Beim Eingehen von Ehen mit Leibeigenen fremder Leibherren mussten die Verheirateten Konfiskationen ihres Besitzes an Gütern und fahrendem Vermögen hinnehmen. Mit Hilfe der sogenannten Todfallabgabe wurden von Leibeigenen, die starben, nicht nur das beste Stück Vieh und das beste Kleidungsstück eingezogen, sondern oft ein Drittel bis zu einer Hälfte der gesamten Hinterlassenschaft.

Im 12. Artikel wird die Übereinstimmung der Beschwerden mit der Bibel bezeugt und das Evangelium zum Maßstab einer gerechten Ordnung beschworen. Der Zusammenrottung der Bauern gab das göttliche Recht eine gänzlich neue Grundlage und Legitimation. Das göttliche Recht der Bauern siedelte sich gewissermaßen neben der göttlichen Gerechtigkeit an, die von den Reformatoren als die erlösende Zuwendung Gottes zu den Menschen entwickelt worden war. Was mit geltendem Recht nicht gelingen konnte, sollte mit dem göttlichen Recht als gänzlich neues rechtstheoretisches Prinzip bewerkstelligt werden.

Man bezeichnet deshalb die Memminger Beratungsrunden im März 1525 nicht ohne Grund auch als "Bauernparlament". Eine Art verfassungsgebender Versammlung, die, wenn auch nur in Grundzügen, die politische Macht bestimmten Institutionen zuschrieb - der Gemeinde, dem Haufen und dem Bund. Der Bauernkriegsforscher Peter Blickle spricht von einem kommunal-republikanischen Modell das gänzlich neu war und für die Bauern eine politische Schöpfung ex nihilo. Der tiefe Gehalt dieses neuen Herrschaftsmodells war, dass sich damit auch ohne die alten Obrigkeiten hätte leben lassen. Die blutige Niederschlagung der aufständischen Bauern durch den Adel im Gefolge der Memminger Versammlung mag in der Brisanz dieser Positionen seinen eigentlichen Grund finden.

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Memmingen als Ereignisort der Geschichte

Welche Rolle spielt nun Memmingen in einem Prozess von solcher Tragweite? Sicher ist, dass Memmingen nicht ohne Grund von den Aufständischen zum Versammlungsort gewählt wurde. Die Stadt hatte sich in Oberschwaben, dem Rekrutierungsfeld der revoltierenden Bauern einen Namen gemacht. In der damals allgegenwärtigen Auseinandersetzung um den rechten Glauben und das rechte Leben galt die Stadt als progressiv, so wie Wittenberg, Zürich und auch Straßburg, wo Martin Luther, Huldrich Zwingli und Martin Butzer predigten. In Memmingen war es der Zwingli-Schüler Christoph Schappeler, der dafür gesorgt hatte, dass sich im Dezember 1524 und im Januar 1525 die Reformation durchsetzte. In St. Martin und der Kirche Unser Frauen war die Messe abgeschafft, die neue Glaubensvorstellung hatte sich weitgehend durchgesetzt.

Seitdem stand Memmingen als erste und einzige Reichsstadt in ganz Oberschwaben eindeutig im Lager der Reformation. Und Memmingen galt als bauernfreundlich. Es muss deshalb nicht verwundern, dass der Memminger Rat ohne großes Zögern den ca. 50 Abgeordneten der Baltringer, Bodenseer und Allgäuer Bauernhaufen die stattliche Kramerzunftstube am Weinmarkt als Beratungsort zur Verfügung stellte. Die Stadt war für die Aufständischen ein sicherer Platz und versprach zudem den Zugang zu schriftkundiger Hilfestellung.

Neben dem Reformator Schappeler war es der Memminger Kürschner Sebastian Lotzer, der als Unterstützer in Frage kam. In Lotzer hatten bereits die abhängigen Bauern in den Dörfern der Reichsstadt einen Fürsprecher gefunden. Auch sie hatten ihre Herren, die Memminger Räte, und dies schon in den Wochen vor der Ankunft der auswärtigen Bauernhaufen, mit dem Ruf nach neuer Freiheit konfrontiert. Lotzer vermittelte und erreichte einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss. Er war dabei das Scharnier zwischen der reformatorischen Bewegung in der Stadt und auf dem Land. Persönlich tief von der Reformation ergriffen, gehörte er zum engsten Kreis um den Reformator Christoph Schappeler und wurde zu seinem maßgeblichen Mitstreiter. Deswegen wandte sich der Kommandant des Baltringer Haufens Ulrich Schmid an Sebastian Lotzer, als er einen Feldschreiber für seinen Baltringer Haufen suchte. Und deswegen war Lotzer schnell in der Rolle eines Protokollanten für das Memminger "Bauernparlament". Er war es auch, der eine Einladung an die Allgäuer und Bodenseer zu gemeinsamen Beratungen am 6. März 1525 in Memmingen sandte.

In der Forschung gilt heute als eindeutig, dass die Memminger Christoph Schappeler und Sebastian Lotzer die Abfassung der "Zwölf Bauernartikel" und der "Bundesordnung der Christlichen Vereinigung" nicht nur als Schriftführer begleiteten. Der Kürschner Lotzer ist ohne Zweifel als Mitautor zu deuten und der Reformator Schappeler, der an St. Martin entschlossen und unbeirrbar eine zwinglianisch geprägte Reformation vorantrieb, gilt unbestritten als geistiger Mentor dieser bedeutendsten Schriftstücke der Bauernkriegsgeschichte.

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Memmingen und das Erbe des Jahres 1525

Die Stadt Memmingen ist schon seit längerem um die Bewahrung des freiheitlichen Erbes der Bauern von 1525 bemüht. Schon im Jahr 1975, zur 450. Wiederkehr der Abfassung der "Zwölf Bauernartikel", veranstaltete die Stadt ein international besetztes und vielbeachtetes Forschungssymposion. Der Bauernkrieg und andere Protestbewegungen der deutschen Geschichte fanden damals erstmals und nach langer Zeit der Missachtung Eingang in die politische Kultur unseres Landes. Gustav Heinemann, der damalige Bundespräsident, mahnte zur gleichen Zeit, dass es einer demokratischen Gesellschaft schlecht anstehe, "wenn sie in aufständischen Bauern nichts anderes als meuternde Rotten sieht".

Im Jahr 2000, 475 Jahre nach den Ereignissen in der Kramerzunft, wurde von der Stadt Memmingen zusammen mit dem "Kuratorium Memminger Freiheitspreis 1525" der "Memminger Freiheitspreis 1525" ins Leben gerufen. Ausgangspunkt dieses Gedenkens an die Absichten und Ziele der protestierenden Bauernhaufen war ein Festakt in der Martinskirche im Beisein von Bundespräsident Johannes Rau. Mit dem "Memminger Freiheitspreis 1525" wurde damals eine Auszeichnung geschaffen, die nach 2005 im Jahr 2009 zum zweiten mal vergeben wurde. Der Memminger Freiheitspreis soll laut Satzung alle vier Jahre, also 2013 erneut verliehen werden.

Der "Memminger Freiheitspreis 1525" soll auch in Zukunft das Erbe der aufständischen Bauern von 1525 wach halten. Der Preis soll daran erinnern, dass kein Erfolg der Freiheitsgeschichte, keine einmal erworbene Freiheit automatisch für alle Zukunft gesichert ist. In diesem Sinne ist der Memminger Freiheitspreis 1525 nicht nur Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch Aufforderung für die Zukunft.

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Faksimile, Edition und Literatur

  • Faksimile der Zwölf Bauernartikel mit einer modernisierten Übersetzung von Dr. Steffen und Heide Ewig (erhältlich beim Memminger MedienCentrum, Fraunhoferstraße 19, 87700 Memmingen, 08331/9277-0)
  • Zwölf Artikel und Bundesordnung der Bauern, Flugschrift "An die versamlung gemayner pawerschafft". Traktate aus dem Bauernkrieg 1525, übertragen von Christoph Engelhard, mit einer Einführung von Peter Blickle über Memmingens Rang in der Geschichte der Reformation, 2000 (erhältlich beim Stadtarchiv im Grimmelhaus und bei den Museen der Stadt Memmingen, Preis: 4 Euro)
  • Blickle, Peter: Die Revolution von 1525, 4. durchges. Aufl., München 2004 (im Buchhandel erhältlich, Preis 24,80 Euro)
  • Blickle, Peter: Memmingen - Ein Zentrum der Reformation, In: Die Geschichte der Stadt Memmingen, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt, Stuttgart 1997, S. 351-418 (vergriffen)
  • Kuhn, Elmar L. / Blickle, Peter (Hrsg.): Der Bauernkrieg in Oberschwaben (Oberschwaben - Ansichten und Aussichten, hrsg. von der Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur), Tübingen 2000 (vergriffen)