City of Memmingen:Historischer Schauplatz

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Historischer Schauplatz: Zunftstube der Kramer

Schon seit dem späten 19. Jahrhundert zierte das Gebäude der reichsstädtischen Kramerzunft am Weinmarkt eine erste Haustafel, die nicht nur damals schon auf die Versammlung der oberschwäbischen Bauern 1525 in der Zunftstube der Memminger Kramer hinwies, sondern auch auf die Vorbesitzer des Erinnerungsortes, dessen Geschichte weit ins 15. Jahrhundert zurückreicht.

1433 verkauften die Erben des Memminger Malers Conrad Menger das Haus am Weinmarkt an den Maler Hans Strigel. Das "Steinhaus samt Stallung an der Ach, sowie [das] alte Häuslein dahinter" ging 1462 von Hans Strigels Witwe Anna an ihren Sohn, den Bildhauer Ivo Strigel über – und gelangte schließlich 1479 ins Eigentum der Memminger Kramerzunft.

Einer chronikalischen Notiz zufolge ließ die Kramerzunft im Jahr 1512 die Wände und Decken der Zunftstube im Stil der Gotik vertäfeln. 13 Jahre später versammelten sich hier die Vertreter der oberschwäbischen Bauern zur Beratschlagung ihrer Anliegen und einer Stellungnahme gegenüber dem Schwäbischen Bund.

Als der Kaiser 1551 die Memminger Zunftverfassung durch eine patrizisch dominierte Ratsverfassung ersetzte, verloren alle Zünfte ihre bisherigen gesellschaftlichen und politischen Funktionen. Aus den Zunfthäusern wurden Wohnhäusern, nach der Mediatisierung der Reichsstadt 1802 aus den Zünften Gewerbevereine. Von 1725 bis zu seinem Ende zu Beginn des 19. Jahrhunderts diente die Zunftstube dem Collegium Musicum als Versammlungs- und Aufführungsort.

1837 löste sich der Gewerbeverein der Kramer als Vereinigung zahlreicher Gewerbe (u.a. Apotheker, Beinringler, Bleicher, Bortenmacher, Buchbinder, Buchdrucker, Buchhändler, Bürstenmacher, Eisenhändler, Fuhrmänner, Glaser und Glashändler, Gürtler, Kammmacher, Konditor, Kaufmann, Knopfmacher, Kunsthändler, Materialist, Nadler, Säckler, Sattler, Seiler, Strumpfstricker, Wachszieher, Weinschenk) auf. Das alte Zunftgebäude wurde versteigert; die Stadt erwarb es schließlich um 800 Gulden und richtete dort eine „weibliche Industrieschule“ ein.

1866 ging das Gebäude an den 1848 gegründeten Gewerbeverein über, einer neuen Interessensvertretung von etwa 200 Kleingewerbetreibenden, der sich 1859 mit dem Leseverein vereinigt hatte. Die Lokalitäten am Weinmarkt wurden 1888 renoviert und um ein Lesezimmer im gotischen Stil ergänzt. 1936 ging das Anwesen ins Eigentum der Kreishandwerkerschaft Memmingen über.

Während der Umbauten des Gebäudes zu einem „Haus des Handwerks“ gingen 1963/64 die Wandvertäfelungen verloren; so manch historische Spur verschwand hinter abgehängten Deckenverkleidungen. Nach dem Auszug des Notariats Memmingen aus dem Gebäude am Weinmarkt unterzog die Kreishandwerkerschaft das Gebäude einer umfassenden statischen Sicherung. Die historischen Räume im 2. Obergeschoss wurden zu Geschäftsräumen umgestaltet und die Decke der Zunftstube wieder freigelegt.

Im November 2020 wurde die Memminger Kramerzunft vom Bayerischen Landtag als „Ort der Demokratie“ ausgezeichnet, der - so das Präsidium des Bayerischen Landtags - zusammen mit weiteren Orten der demokratischen Entwicklung einen herausragenden Impuls verliehen habe. Ab der zweiten Jahreshälfte 2021 werden an den Orten der Demokratie Gedenkobjekte installiert und eine Wanderausstellung zu sehen sein.

Orte der Demokratie in Bayern (Pressemitteilung des Bayerischen Landtages)

Demokratie braucht Erinnerung (Pressemitteilung der Stadt Memmingen)