City of Memmingen:Historischer Hintergrund

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Stadt Memmingen
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Einführung

Das Programm der aufständischen Bauern des Jahres 1525, die zwölf „Artikel aller Baurschafft vnnd Hyndersessen“ wurde in der damals freien Reichsstadt Memmingen formuliert. Als Grundlage ihrer Forderungen beanspruchten die Bauern nichts Anderes als „das Evangelium zu hören und dem gemäß zu leben“. In der Heiligen Schrift lasen Sie, „dass sie frei seien und sein wollen“.

Um dieser Forderung Ausdruck zu verleihen, hatten die etwa 50 Vertreter der Bauernhaufen, die sich im März 1525 in der Stube der Memminger Kramerzunft versammelten, schwierige Fragen zu lösen. Wie sollten sie weiter vorgehen, welche Mittel waren zulässig? Nach der Ablehnung gewaltsamer Aktionen gegen die Herrschaft, wurde die Bildung einer Eidgenossenschaft beschlossen, die sogenannte „Christliche Vereinigung“. Sie sollte die zwölf Artikel als Grundlage der Verhandlungen den Herrschaften vortragen. Auch wenn der Forderungskatalog keinen Erfolg hatte und das Aufbegehren des „Gemeinen Mannes“ blutig niedergeschlagen wurde – die Ziele der Bauern weisen weit über die Zeit des Jahres 1525 hinaus.

Knapp 500 Jahre später muss der Äußerung von Bundespräsident Rau aus dem Jahr 2000 Aufmerksamkeit geschenkt werden: „Kein Erfolg der Freiheitsgeschichte, keine einmal erworbene Freiheit ist automatisch für alles Zukunft gesichert“. Daraus ergibt sich der Auftrag, Demokratie und Menschenrechte als unveräußerliches Gut zu allen Zeiten zu stärken und den Weg des Dialogs und Ausgleichs für eine „Gesellschaft in Freiheit und ethischer Verantwortung“ (Ruszat-Ewig, 2017) nie aus dem Auge zu verlieren. Memmingen und im Besonderen das Gebäude der Kramerzunft bieten dafür eine einzigartige Plattform. Dialog und Ausgleich waren der zünftisch verfassten Reichsstadt seit jeher vertraut. Divergierende Interessen innerhalb der Bürgerschaft mussten auf Feldern wie Wirtschaft, Politik oder Kirche unter einen Nenner gebracht werden. Gespräch, Beratung und Kompromiss waren deshalb essentiell im Ringen der Bürgerstadt um den richtigen Weg.

Die Stadt Memmingen ist schon seit längerem um die Bewahrung des freiheitlichen Erbes der Bauern von 1525 bemüht. Schon im Jahr 1975, zur 450. Wiederkehr der Abfassung der "Zwölf Bauernartikel", veranstaltete die Stadt ein international besetztes und vielbeachtetes Forschungssymposion. Der Bauernkrieg und andere Protestbewegungen der deutschen Geschichte fanden damals erstmals und nach langer Zeit der Missachtung Eingang in die politische Kultur unseres Landes. Gustav Heinemann, der damalige Bundespräsident, mahnte zur gleichen Zeit, dass es einer demokratischen Gesellschaft schlecht anstehe, "wenn sie in aufständischen Bauern nichts anderes als meuternde Rotten sieht".

Im Jahr 2000, 475 Jahre nach den Ereignissen in der Kramerzunft, wurde von der Stadt Memmingen zusammen mit dem "Kuratorium Memminger Freiheitspreis 1525" der "Memminger Freiheitspreis 1525" ins Leben gerufen. Ausgangspunkt dieses Gedenkens an die Absichten und Ziele der protestierenden Bauernhaufen war ein Festakt in der Martinskirche im Beisein von Bundespräsident Johannes Rau. Mit dem "Memminger Freiheitspreis 1525" wurde damals eine Auszeichnung geschaffen, die alle vier Jahre verliehen wird. Sichtbares Zeichen des Gedenkens an die Ereignisse von 1525 ist der Freiheitsbrunnen am Weinmarkt unweit der historischen Kramerzunft. Weitere bildungs- und gesellschaftspolitische sowie kulturelle Aktivitäten werden folgen.

Die Zwölf Artikel und die Revolution des gemeinen Mannes

Fast 500 Jahre sind vergangen, seit in Deutschland die abhängigen Bauern die Hoffnungen auf eine bessere Welt zu ihrer Sache machten und mit dem Bauernkrieg von 1525 eines der markanten und spektakulären Kapitel der deutschen Geschichte schrieben. Brennpunkt dieser wichtigen Bewegung war das Land zwischen Donau und Bodensee. Auf dem Höhepunkt der Geschehnisse versammelten sich die Führer der aufständischen Bauern in Memmingen und berieten über ihren Forderungskatalog, der überall im Land ihren Vorstellungen Nachdruck verleihen sollte. Nach langen Beratungsrunden im März des Jahres 1525 wurde in der Reichsstadt Memmingen eine Streitschrift unterzeichnet, die unmittelbar nach ihrem Druck bereits eine immense Verbreitung erfahren sollte.

Die Wirkung der Streitschrift reichte weit über die Stadtmauern hinaus. In nur zwei Monaten erschienen davon 28 Drucke in nahezu allen namhaften Orten des Reiches. Über 25.000 Exemplare wurden im gesamten Aufstandsgebiet der Bauern verteilt. Die Forderungen aus der Kramerzunft in Memmingen wurden oft in den anderen Aufstandsgebieten übernommen und um regionale Beschwerden erweitert. Die "Zwölf Artikel" fanden somit innerhalb weniger Wochen eine Beachtung, die lediglich mit der Wirkung der Schriften Luthers zu vergleichen ist.

Und keine andere Flugschrift dieser Zeit hat den auf dem göttlichen Recht des Evangeliums fundierten Freiheits- und Gerechtigkeitsgedanken deutlicher formuliert.

Im Gewand von Bitten wurde um Abgabenerleichterung, Pfarrerwahl durch die Gemeinde, Freigabe von Jagd und Fischerei, Erweiterung der Gemeinderechte und um die Freiheit als Aufhebung der Leibeigenschaft ersucht.

Die zwölf Artikel griffen die feudale Gesellschafts- und Herrschaftsform an. Sie zielten auf den Feudalherrn als Grundherrn, wenn sie die Reduzierung der Abgaben und Dienste forderten, sie zielten auf den Feudalherrn als Gerichtsherrn, wenn sie eine Rechtsprechung nach Gewohnheitsrecht anmahnten, und sie zielten auf den Feudalherrn als Leibherrn, wenn sie die Beseitigung der Leibeigenschaft verlangten, die durch Dienste und Todfallabgaben die bäuerliche Wirtschaft belastete und durch die Beschränkung der Freizügigkeit und der Ehefreiheit das Leben der Bauern prägte. Beim Eingehen von Ehen mit Leibeigenen fremder Leibherren mussten die Verheirateten Konfiskationen ihres Besitzes an Gütern und fahrendem Vermögen hinnehmen. Mit Hilfe der sogenannten Todfallabgabe wurden von Leibeigenen, die starben, nicht nur das beste Stück Vieh und das beste Kleidungsstück eingezogen, sondern oft ein Drittel bis zu einer Hälfte der gesamten Hinterlassenschaft.

Im 12. Artikel wird die Übereinstimmung der Beschwerden mit der Bibel bezeugt und das Evangelium zum Maßstab einer gerechten Ordnung beschworen. Der Zusammenrottung der Bauern gab das göttliche Recht eine gänzlich neue Grundlage und Legitimation. Das göttliche Recht der Bauern siedelte sich gewissermaßen neben der göttlichen Gerechtigkeit an, die von den Reformatoren als die erlösende Zuwendung Gottes zu den Menschen entwickelt worden war. Was mit geltendem Recht nicht gelingen konnte, sollte mit dem göttlichen Recht als gänzlich neues rechtstheoretisches Prinzip bewerkstelligt werden.

Man bezeichnet deshalb die Memminger Beratungsrunden im März 1525 nicht ohne Grund auch als "Bauernparlament". Eine Art verfassungsgebender Versammlung, die, wenn auch nur in Grundzügen, die politische Macht bestimmten Institutionen zuschrieb - der Gemeinde, dem Haufen und dem Bund. Der Bauernkriegsforscher Peter Blickle spricht von einem kommunal-republikanischen Modell das gänzlich neu war und für die Bauern eine politische Schöpfung ex nihilo. Der tiefe Gehalt dieses neuen Herrschaftsmodells war, dass sich damit auch ohne die alten Obrigkeiten hätte leben lassen. Die blutige Niederschlagung der aufständischen Bauern durch den Adel im Gefolge der Memminger Versammlung mag in der Brisanz dieser Positionen seinen eigentlichen Grund finden.

Memmingen als Ereignisort der Geschichte

Welche Rolle spielt nun Memmingen in einem Prozess von solcher Tragweite? Sicher ist, dass Memmingen nicht ohne Grund von den Aufständischen zum Versammlungsort gewählt wurde. Die Stadt hatte sich in Oberschwaben, dem Rekrutierungsfeld der revoltierenden Bauern einen Namen gemacht. In der damals allgegenwärtigen Auseinandersetzung um den rechten Glauben und das rechte Leben galt die Stadt als progressiv, so wie Wittenberg, Zürich und auch Straßburg, wo Martin Luther, Huldrich Zwingli und Martin Butzer predigten. In Memmingen war es der Zwingli-Schüler Christoph Schappeler, der dafür gesorgt hatte, dass sich im Dezember 1524 und im Januar 1525 die Reformation durchsetzte. In St. Martin und der Kirche Unser Frauen war die Messe abgeschafft, die neue Glaubensvorstellung hatte sich weitgehend durchgesetzt.

Seitdem stand Memmingen als erste und einzige Reichsstadt in ganz Oberschwaben eindeutig im Lager der Reformation. Und Memmingen galt als bauernfreundlich. Es muss deshalb nicht verwundern, dass der Memminger Rat ohne großes Zögern den ca. 50 Abgeordneten der Baltringer, Bodenseer und Allgäuer Bauernhaufen die stattliche Kramerzunftstube am Weinmarkt als Beratungsort zur Verfügung stellte. Die Stadt war für die Aufständischen ein sicherer Platz und versprach zudem den Zugang zu schriftkundiger Hilfestellung.

Neben dem Reformator Schappeler war es der Memminger Kürschner Sebastian Lotzer, der als Unterstützer in Frage kam. In Lotzer hatten bereits die abhängigen Bauern in den Dörfern der Reichsstadt einen Fürsprecher gefunden. Auch sie hatten ihre Herren, die Memminger Räte, und dies schon in den Wochen vor der Ankunft der auswärtigen Bauernhaufen, mit dem Ruf nach neuer Freiheit konfrontiert. Lotzer vermittelte und erreichte einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss. Er war dabei das Scharnier zwischen der reformatorischen Bewegung in der Stadt und auf dem Land. Persönlich tief von der Reformation ergriffen, gehörte er zum engsten Kreis um den Reformator Christoph Schappeler und wurde zu seinem maßgeblichen Mitstreiter. Deswegen wandte sich der Kommandant des Baltringer Haufens Ulrich Schmid an Sebastian Lotzer, als er einen Feldschreiber für seinen Baltringer Haufen suchte. Und deswegen war Lotzer schnell in der Rolle eines Protokollanten für das Memminger "Bauernparlament". Er war es auch, der eine Einladung an die Allgäuer und Bodenseer zu gemeinsamen Beratungen am 6. März 1525 in Memmingen sandte.

In der Forschung gilt heute als eindeutig, dass die Memminger Christoph Schappeler und Sebastian Lotzer die Abfassung der "Zwölf Bauernartikel" und der "Bundesordnung der Christlichen Vereinigung" nicht nur als Schriftführer begleiteten. Der Kürschner Lotzer ist ohne Zweifel als Mitautor zu deuten und der Reformator Schappeler, der an St. Martin entschlossen und unbeirrbar eine zwinglianisch geprägte Reformation vorantrieb, gilt unbestritten als geistiger Mentor dieser bedeutendsten Schriftstücke der Bauernkriegsgeschichte.

Literatur zum Bauernkrieg und zu den Artikeln der oberschwäbischen Bauernschaft

  • Blickle, Peter: Die Revolution von 1525, 4. durchges. Aufl., München: Oldenbourg 2004 (erhältlich im Buchhandel)
  • Blickle, Peter: Der Bauernkrieg. Die Revolution des gemeinen Mannes, München: C.H. Beck 2011 (erhältlich im Buchhandel)
  • Zwölf Artikel und Bundesordnung der Bauern, Flugschrift "An die versamlung gemayner pawerschafft". Traktate aus dem Bauernkrieg 1525, übertragen von Christoph Engelhard, mit einer Einführung von Peter Blickle über Memmingens Rang in der Geschichte der Reformation, 2000 (erhältlich beimStadtarchiv Memmingen)
  • Ruszat-Ewig, Heide: Die 12 Bauernartikel. Flugschrift aus dem Frühjahr 1525 (Memminger Geschichtsblätter Sonderheft), Memmingen 2018 (erhältlich beim Historischen Verein Memmingen)
  • Ruszat-Ewig, Heide: Sebastian Lotzer. 5 Flugschriften aus der Reformationszeit (Memminger Geschichtsblätter Sonderheft), Memmingen 2015 (erhältlich beim Historischen Verein Memmingen)
  • Blickle, Peter: Der Bauernjörg. Feldherr im Bauernkrieg, München 2015 (erhältlich im Buchhandel)

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Den vollständigen Text der Zwölf Artikel finden Sie auf den Seiten des Stadtarchivs Memmingen in der Rubrik Quellen zusammen mit einem Digitalisat zum Download. Eine Übertragung des Textes ins Neuhochdeutsche (von Heide Ruszat-Ewig) ist beim Historischen Verein Memmingen als Sonderheft der Memminger Geschichtsblätter erhältlich.