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Zu Ehren einer standhaften Frau

Erstellt von Pressestelle | |   Rathausinformationen

Empfang der Nachfahren von Elise Weindl – sie bewahrte im Zweiten Weltkrieg fünf Menschen vor der Verfolgung

„Elise Weindl brachte durch ihr Handeln Heil in die Welt“, hob Oberbürgermeister Manfred Schilder beim Empfang der Nachfahren der Familie Weindl hervor. Die couragierte Reform-Adventistin versteckte in ihrem Haus in der Bahnhofstraße fünf Menschen vor der Verfolgung durch das Naziregime. „Ich bin froh, dass ich Sie hier im Rathaus begrüßen darf und Ihnen später auch die Straße zeigen kann, die nach dieser standhaften und bemerkenswerten Frau benannt wurde“, bedankte sich das Stadtoberhaupt bei den Anwesenden. Die Enkel- und Urenkel-Generation der Familie von Elise Weindl war sichtlich berührt und freute sich über das bleibende Andenken, mit dem die Stadt Memmingen Elise Weindl ehrt.

Nach dem Empfang im Rathaus ging es zur Elise-Weindl-Straße ins Neubaugebiet Dobelhalde. Dort konnten sich die Nachfahren vor Ort ihr eigenes Bild machen. Im Anschluss wurde auch das Haus in der Bahnhofstraße besucht, in dem die fünf Menschen versteckt waren. Enkel Harald Jordan, Sohn von Erna Weindl, der seine Kindheit und Jugend darin verbrachte, konnte sich sehr genau an die Aufteilung der Zimmer erinnern und berichtet in welchen Räumen sich die Gläubigen der Adventgemeinde getroffen haben und wie die Familie lebte. Auch Christa Dann, die Tochter von Erna Weindl, die für ihre Hilfe bei der Rettung der fünf Menschen in den 1980er Jahren das Bundesverdienstkreuz bekam, schilderte ihre Großmutter als extrem willensstarke Frau: „Sie hatte keinen Moment Angst, ihr sprichwörtliches Gottvertrauen hat ihr die nötige Kraft für ihr Handeln gegeben.“

Der Besuch der Familie Weindl in Memmingen ist durch einen außergewöhnlichen Zufall zustande gekommen. Else Weindls Sohn Beppi, ist schon im Jahr 1948 nach Spanien ausgewandert. Dessen Enkel Christian Weindl hat auf der Suche nach seiner Verwandtschaft in Deutschland über viele Umwege Eduard Krahe gefunden, der Sohn von Elisabetha, der heute noch in Remagen lebt. Nachdem dieser ihm einige Daten der Familie weitergeben konnte, wurde Christian von Alicante aus auf die Straßenbenennung für seine Ur-Großmutter aufmerksam.

Die Lebensgeschichte von Elise Weindl

Das Leben der streng gläubigen Reform-Adventistin ist beeindruckend. Zusammen mit ihrem Mann Josef und dem Sohn Josef Luitpold, genannt Beppi, kommt sie im Jahr 1915 nach Memmingen. Dort eröffnen Weindls zuerst in der Kempter Straße ein Fahrradgeschäft, später ziehen sie in die damalige Siebertstraße, (heute Bahnhofstraße 2, ein Gebäude das gegenüber der Mewo Kunsthalle liegt) in dem die Familie lebt und Elise Weindl mit Textilien handelt.

In Memmingen kommen ihre Töchter Elisabetha (1915) und Erna (1922) auf die Welt; eine weitere Tochter, Ruth, stirbt kurz nach der Geburt im Jahr 1929. Als 1938 ihr Mann stirbt, betreibt sie das Geschäft allein. Schon Anfang der 1920er Jahre tritt sie aus der katholischen Kirche aus und wird Mitglied bei den Memminger Reform-Adventisten, dabei setzt sie sich auch immer wieder gegen die Überzeugung ihres Mannes durch.

Im Jahr 1936 wurde die Reform-Adventisten-Bewegung von der NSDAP verboten, die Mitglieder der Gemeinden waren danach immer wieder Repressalien und Verhaftungen ausgesetzt. 1938 setzt sie sich über das „Kauft-nicht-bei-Juden“-Gebot der Nazis hinweg und ersteht die Textilien der Augsburger Firma Pollitzer. Zusätzlich beschäftigt sie den Geschäftsführer der Firma Pollitzer Otto Schreiner bis 1942 in ihrem Laden. Als Otto Schreiner und seine Gattin Grete, eine geborene Pollitzer, im Januar 1945 mit ihrem zweijährigen Kind durch Zufall bei ihr vor der Tür stehen, beschließt sie spontan die drei in ihrem Haus zu verstecken. Dort hat die engagierte Frau außerdem schon seit 1940 immer wieder Martin Friebe, einen verfolgten Glaubensbruder, und im Jahr 1942 den Jugendlichen Fritz Tölle untergebracht. Tölles Mutter war ebenfalls Reformadventistin und saß im KZ Ravensbrück, Fritz floh, weil er in ein NS-Erziehungsheim gebracht werden sollte. Er war für zehn Monate bei den Weindls in Memmingen. Auch als Tochter Elisabetha nach Remagen heiratet, unterstützt sie die Mutter in ihrem Tun, Martin Friebe kommt immer mal wieder bei Elisabetha in der rheinischen Stadt unter, wenn Elise Weindl fürchtet, die Memminger Gestapo würde den steckbrieflich gesuchten Glaubensbruder bei ihr finden.

Im Jahr 1958 zieht Elise mit ihrer Tochter Erna und deren Familie nach Lindenberg. Trotzdem war sie oft noch in Memmingen zu Besuch. So auch am 21. Mai 1975, als sie auf der Memminger Bahnhofstraße von einem Auto erfasst und tödlich verletzt wird.

 

 

Elise Weindl (Repro: Viola Weyrauch/Pressestelle der Stadt Memmingen)
Oberbürgermeister Manfred Schilder und Christian Weindl, der ein Straßenschild der Elise-Weindl-Straße geschenkt bekam. (Fotos: Manuela Frieß/Pressestelle der Stadt Memmingen)
Die Gäste beim Empfang im Rathaus.
Die Enkel- und Urenkel-Generation der Familie Weindl.