Stadt Memmingen
Kulturamt

Ulmer Str. 19
87700 Memmingen

Tel. 08331/850-131
Fax 08331/850-149

kulturamt(at)memmingen.de

Logo Memminger Freiheitspreis 1525

Seiteninhalt:

"Memminger Freiheitspreis 1525"

nach oben

Preisträger 2005: Dr. Gyula Horn

Dr. Gyula Horn
Dr. Gyula Horn

Erster Preisträger ist der ehemalige Außenminister der Volksrepublik Ungarn und spätere Ministerpräsident der Republik Ungarn Dr. Gyula Horn.

Die Verdienste von Gyula Horn bei der Öffnung des Grenzzauns zwischen Österreich und Ungarn und seine mutige Entscheidung zu Gunsten eines legalen Transits ostdeutscher Flüchtlinge durch Ungarn sind in herausragender Weise mit der Wahrung universeller Freiheitsrecht verbunden. Sein beispielhafter Einsatz für den internationalen Dialog und die allgemeine Gültigkeit von Freiheit und Humanität hat dem Geschichtsverlauf der Jahre nach 1989 einen entscheidenden Anstoß gegeben und stand am Beginn des deutschen und schließlich europäischen Einigungsprozesses.

Gyula Horn wurde am 5. Juli 1932 in Budapest geboren. Der Vater, deutschstämmiger Arbeiter und Kommunist war während des zweiten Weltkrieges im Untergrund aktiv bis er 1944 von der Gestapo ermordet wurde. Gyula Horn wurde nach Verdiensten im kommunistischen Jugendverband die höhere Schulbildung ermöglicht und schließlich das Studium der Wirtschaftswissenschaften in Rostow am Don.

Seit 1953 war er Mitglied der kommunistischen sozialistischen Arbeiterpartei Ungarns und arbeite im ungarischen Finanzministerium. Nicht zuletzt seine Distanz zum Volksaufstand unter Imre Nagy von 1959 ermöglichte ihm einen Aufstieg im Außenministerium. 1961 bzw. 1963 war er Attaché an den Botschaften in Sofia und Belgrad. Im Rang eines Botschaftsrates wechselte er 1971 vom Außenministerium in die außenpolitische Abteilung beim ZK. 1983 wurde er dort Abteilungschef. Schon zu dieser Zeit waren Ungarns Kontakte zu den westlichen Ländern wesentlich ausgebaut worden und eine Periode der Liberalisierung auf vielen Gebieten zeichnete sich ab.

Im März 1985 kam Gyula Horn als Vollmitglied in das Zentralkomitee und übernahm das Amt des Staatssekretärs im Außenministerium. Nach dem Ende der Ära von Janos Kadar wurde Horn 1989 ungarischer Außenminister. Sein Amtsantritt setzte Zeichen, gehörte er doch zu den ersten Ministern, die nicht mehr vom ZK vorgeschlagen wurden und durch die Volksvertretung im Parlament eine Bestätigung erfuhren.

Horn überraschte bald durch seine Offenheit. So nannte er schon im November 1988, als Gast auf der Tagung der Nordatlantischen Versammlung, die Präsenz fremder Truppen in europäischen Ländern einen "Anachronismus". Im Mai 1989 war er der erste hochrangige Politiker, der das Gerichtsverfahren gegen Imre Nagy als Schauprozess bezeichnete. Am 27. Juni 1989 durchschritt Horn, gemeinsam mit dem österreichischen Außenminister, den Stacheldraht an der Westgrenze Ungarns.

Ein historische Rolle fiel Horn schließlich im Sommer 1989 zu, als Tausende von ausreisewilligen DDR-Bürgern in der Botschaft der Bundesrepublik in Budapest verharrten und auf eine Entscheidung warteten. Die Massenflucht über Österreich in die Bundesrepublik wurde möglich, nachdem die ungarische Regierung in der Nacht zum 11.9.1989 die Grenze nach Österreich geöffnet hatte. Menschenrechte seien wichtiger als selbst die vertraglich abgesicherte Solidarität  mit dem Warschauer-Pakt-Partner DDR, begründete Horn die Ausreise der Flüchtlinge, die der Auftakt der politischen Wende im Osten Europas wurde. "Eine visionäre Kraft des außenpolitischen Denkens und Mut" bescheinigte Außenminister Hans-Dietrich Genscher seinem ungarischen Amtskollegen im Januar 1990.

Bei den ersten freien Wahlen Ungarns nach 1947 im April 1990 verlor die reformierte Nachfolgepartei der früheren Kommunisten, mit Horn an der Spitze die Regierungsgewalt an eine bürgerliche Koalition. Horn schied 1994 aus der Regierungsverantwortung aus bis im Jahr 1994 die Sozialisten unter seiner Führung die absolute Mehrheit der Stimmen erreichten und Gyula Horn Ministerpräsident von Ungarn wurde.

Horn betrieb eine strenge Sparpolitik, die ihm während seiner ganzen Regierungszeit harsche Kritik auch aus den eigenen Reihen einbrachte. Sehr erfolgreich verfolgte Horn eine Politik der Westintegration. Im Juli 1997 wurde Ungarn in die NATO aufgenommen, am 13. April 2003 sprachen sich schließlich 83% der Ungarn für eine Betritt ihres Landes zur EU aus.

Bereits im Mai 1998 hat Horn die Wiederwahl mit seiner Sozialistischen Partei verfehlt. Nach der Ablösung als Regierungschef zog er sich auch aus dem Parteivorsitz zurück.

Nach langer Krankheit starb Gyula Horn am 19. Juni 2013 in seiner Geburtsstadt Budapest.

(Quelle: Munziger Archiv)